„Ich will Menschen animieren, aktiv zu bleiben.“


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Filipe Nascimento hatte mit 22 einen schweren Unfall, der sein bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellte. Heute, 17 Jahre später, hat der gebürtige Portugiese seinen Platz im Leben gefunden und möchte Mut machen. Denen, die mit der Diagnose Querschnittslähmung weniger gut zurecht kommen als er.

Filipe, vor deinem Unfall warst du eine richtige Sportskanone...
Sport war meine tägliche Flucht vor dem Stress in meinem Mechanik-Ingenieursstudium. In meiner Heimat Faro, einem kleinen Ort an der Algarve, im Süden Portugals, hat man ja unzählige Möglichkeiten. Neben den typischen Wassersportarten, bin ich auch gerne mit dem Bike oder dem Motorrad ausgerückt.

Wann passierte dann dein Unfall?
Kurz bevor ich 23 wurde, nahm ich spontan an einem Motorradwettbewerb teil. Es war ein sehr heißer Tag, die Strecke war extrem trocken und staubig. In einer Kurve habe ich die Kontrolle über mein Motorrad verloren und bin gegen einen Baum geknallt... 

Wie ging es weiter?
Ich hab mir mein Schlüsselbein und ein paar Rippen gebrochen, außerdem war meine Lunge durchstochen. Das Schlimmste war aber, dass ich mir meine Brustwirbel T5-T6 verletzt habe. Danach kann ich mich an fast nichts erinnern und wurde nur langsam wieder fit. 9% der Querschnittspatienten verletzen sich beim Sport und ich war einer davon... Die Zeit danach wart hart - ich habe irgendwie versucht, mein Glück wieder zu finden. Meine Freunde und meine Familie haben mir sehr dabei geholfen. Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen.

Inwieweit hat sich dein Leben nach dem Unfall verändert?
Alles hat sich verändert. Wenn man in der Früh sein Haus verlässt, kann man sich nicht vorstellen, anders zurück zu kommen. Vor meinem Unfall habe ich im 3. Stock gewohnt. Ohne Lift. Ich musste also umziehen, mein Auto den neuen Umständen anpassen und lernen, mit der eingeschränkten Mobilität zu leben. Am schwierigsten war und ist das an öffentlichen Plätzen, die irgendwie nie auf Rollstuhlfahrer vorbereitet sind.

Wie ist dein Leben jetzt?
Ich habe mein Studium beendet und arbeite in einem Labor. Kürzlich habe ich die Seite Trip Accessible online gebracht. Am Abend treffe ich häufig Freunde. Mit dem Unterschied, dass ich eben alles im Rollstuhl mache. Es oft schwierig, aber keiner hat gesagt, dass das Leben leicht ist. Mir geht es vergleichsweise gut, es gibt sehr viele Menschen, die ihr Schicksal nie ganz annehmen können. 

Machst du noch Sport?
An Tagen, an denen ich viel arbeite, habe ich wenig Zeit für Sport. Aber das Handbike ist das wichtigste Sportgerät, das mich in Form hält. Im Sommer paddle ich gerne mit meinem 2-Sitzer Kajak und tauche. Mit einem geeigneten Rollstuhl habe ich sogar angefangen, zu paragleiten. Bis heute bin ich der erste behinderte Portugiese mit einer zertifizierten Free Flight Paragleiter Lizenz.

 

Du hast vorher deine Seite Trip Accessible angesprochen...
Genau, das ist eine Online-Plattform, die beeinträchtigten Menschen das Reisen an die Algarve erleichtern soll. Menschen mit eingeschränkter Mobilität haben meist Angst davor, die gewohnte Umgebung zu verlassen. Sie wissen nicht, was sie erwartet darum entscheiden sie sich oft gegen das Reisen. Es ist tatsächlich schwierig, Infos über gut erreichbare Adressen, Verkehrsanbindungen oder interessante Plätze für Rollstuhlfahrer zu finden. Ich will Touristen hier helfen und ihnen ein komplettes Package mit Infos, Transportmöglichkeiten, Unterbringungen, Stränden, medizinischer Versorgung und vielem mehr bieten.

Was sind die größten Hürden für Menschen im Rollstuhl?
Wenn gelähmte Menschen reisen, brauchen sie meist Hilfsmittel wie einen Gehstock oder einen manuellen oder elektrischen Rollstuhl. Das braucht Platz. Man bucht ein Hotelzimmer, kommt dort an und hat keinen Platz für den Rollstuhl. Alles ist so eng, dass man weder aufs Bett noch die Toilette kommt. Auch wenn man zum Strand will, ist es sinnlos, einen beliebigen zu wählen. Das alles kann sehr frustrierend sein.

Was ist deine Lieblingsdestination?
Es gibt viele schöne Plätze. Würde ich nicht an der Algarve leben, wäre sie aber meine Lieblingsdestination. Wir haben das Meer, großartiges Wetter und die Schönheit der Natur. Es ist ein friedliches und einladendes Land.

Wie sieht deine Zukunft aus?
Es ist sogar für mich schwer, ein rollstuhlgerechtes Umfeld zu finden. Aber das Thema wird immer präsenter und der Tourismus reagiert darauf. Ich glaube, dass zukünftig vieles besser werden kann. Ich möchte beeinträchtigte Menschen weiterhin dazu animieren zu reisen und aktiv zu sein. Was mein Privatleben betrifft, lebe ich derzeit alleine, nahe meiner Familie. Wenn ich die richtige Frau finde, möchte ich eine eigene Familie gründen.

Was bedeutet Wings for Life für dich?
Wings for Life ist für mich ein Synonym für Hoffnung. Ich hoffe, dass man Querschnittslähmung irgendwann heilen kann. Genau wie bei gebrochenen Knochen, soll eine Rückenmarksverletzung nur ein temporärer Zustand sein und nichts Lebenslängliches, wie jetzt. Es ist schön eine Organisation zu wissen, bei der so viele Menschen bemüht sind, eine Lösung zu finden. Wenn ich den Wings for Life World Run sehe, bei dem so viele Menschen teilnehmen, habe ich das Gefühl, die Heilung die ich mir so sehr wünsche, rückt näher und näher. 

Helfen Sie uns bei unserer Mission, eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden. 100% aller Einnahmen gehen in die Rückenmarksforschung.