© David Robinson

„Ich träume vom Gehen“


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Hätte das Ereignis am Abend des 31. Oktober 2014 keinen so tragischen Ausgang genommen, würde man es als einen Lausbubenstreich abtun. Florian, damals 17, ist mit seinen Freunden unterwegs. Sein Onkel, bei dem er seit seinem zwölften Lebensjahr wohnt, ruft ihn noch an, um ihn an das gemeinsame Abendessen zu erinnern. Doch dazu wird es nicht mehr kommen. „Ein Freund hatte plötzlich die Idee, einen Böller in einen Glascontainer neben der Straße zu werfen. Er schrie, dass wir anderen schnell weglaufen sollten. Kurz darauf ist das Ding explodiert“, erinnert sich Florian. Seine Freunde und er geraten in Panik und flüchten, doch die herbeigerufene Polizei findet sie. „Sie wollten uns mit nehmen. Wir sind wie von Sinnen vor ihnen weggerannt.“ Von einem Polizisten verfolgt, überquert Florian Seitenstraßen, läuft durch private Gärten, springt über Zäune. „Es war stockfinster. Ich bin über eine Hecke gesprungen, blieb aber mit einem Bein hängen. So fiel ich in eine drei Meter tiefe Senke, direkt auf meinen Kopf.“ Der Teenager aus Linz kann nicht mehr aufstehen, kann seinen Körper nicht mehr bewegen. „Ich habe meinen Kopf gedreht und dem Polizisten zu geschrien, dass er zu mir kommen und mir helfen soll.“ Gemeinsam mit besorgten Nachbarn verständigt dieser den Notarzt. „Ich weiß noch, dass ich extreme Panik hatte, bis ich im Rettungswagen war. Dann wurde ich in einen zweiwöchigen Tiefschlaf versetzt.“

Kampf ums Überleben 
Um vier Uhr morgens wird Florians Onkel Jörg durch das Läuten seines Handys aus dem Schlaf gerissen. „Ich war komplett verstört. Jemand aus der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg war dran und sagte mir, dass mein Neffe einen Unfall hatte und gerade operiert wird.“ Jörg fährt sofort ins Krankenhaus, um Florian beizustehen. „Dort haben sie mich aber wieder weggeschickt – die OP würde noch lange dauern“, erinnert sich der Oberösterreicher. An Schlaf ist für ihn nicht mehr zu denken, also sucht er die nahegelegene Polizeistelle auf, um mehr über den Unfallhergang zu erfahren. Zurück im Krankenhaus, erhält er zum ersten Mal eine detaillierte Auskunft über den Gesundheitszustand seines Neffen. „Flo hat sich bei dem Sturz den dritten Halswirbel abgesplittert, das führte zu einer Rückenmarksverletzung auf C4/C5. Also eine Verletzung ziemlich weit oben. Mir wurde gesagt, dass er querschnittsgelähmt ist und man sich anschauen müsse, ob er die nächsten Tage überhaupt überlebt.“ Florian übersteht eine Lungenentzündung und wird beatmet. Nach zwei Wochen wecken ihn die Ärzte zum ersten Mal auf. Der junge Mann erinnert sich: „Das war der absolut schlimmste Tag meines Lebens … Ich hatte das Gefühl, zu ersticken.“ Seine Lunge funktioniert nicht richtig. Erneut wird er für einige Tage in den künstlichen Tiefschlaf versetzt.

Schwere Vorwürfe 
Als Florian danach aufwacht, steht Jörg gemeinsam mit einem Arzt an seinem Krankenbett. „Der Doktor war recht unsensibel. Als Flo bei sich war, meinte er ganz nüchtern, dass er jetzt querschnittsgelähmt sei und dass das immer so bleiben werde. Ich werde nie vergessen, wie Flo mich nach diesen Worten angesehen hat.“ Jörg redet seinem Neffen gut zu, versichert ihm, dass sie alles gemeinsam schaffen werden. Nach außen hin bleibt er stark. „Als ich aber heimgekommen bin und allein war, hatte ich einen Nervenzusammenbruch“, erzählt er. „Ich musste mich hinlegen und konnte einfach nicht aufhören zu weinen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich leichter. Ich hatte die Kraft, die neue Situation anzunehmen und die Sache anzugehen.“ Für Florian folgen zwei Monate Krankenhaus und vier Monate Reha in Bad Häring (nahe Kufstein). „Man hat so viel Zeit nachzudenken. Ich bereue sehr, was ich getan habe“, macht er sich Vorwürfe. Trotzdem will er weiterkommen, macht dank der vielen Therapien Fortschritte und erlangt eine gewisse Beweglichkeit in seinen Armen zurück. Während seinNeffe mit seinem Schicksal umzugehen lernt, bereitet Jörg den Umzug in eine neue, barrierefreie Wohnung vor und überwacht sämtliche Umbauarbeiten. „Glücklicherweise hatte ich in meiner Firma die Möglichkeit, in Karenz zu gehen, um mich um sämtliche Neuanschaffungen und danach auch um Flo zu kümmern.“

Hilfe bei jedem Handgriff
Das Heimkommen in die neue Wohnung ist für beide eine große Herausforderung. „Es ist eigenartig, wenn man auf einmal bei jedem Handgriff auf Hilfe angewiesen ist. Aber ich habe mich nie dagegen gewehrt“, ist Florian für die Hilfe seines Onkels dankbar. „Gerade am Anfang war ich schon noch recht unbeholfen. Ich wusste ja nicht, wie ich Flo anpacken soll oder seinen Katheter richtig entleere“, erinnert sich Jörg. In ihrem gemeinsamen Alltag gibt es viele kleine Erfolgserlebnisse, aber auch Rückschl.ge. Gerade hat der junge Mann an einem schweren Dekubitus gelitten, der nur sehr langsam verheilte. „Drei Monate lang bin ich nur gelegen, bis sich meine Haut endlich erholt hat. Da fällt einem regelrecht die Decke auf den Kopf.“ Jetzt, da es ihm besser geht, trainiert Florian viel auf Geräten, die eigens für ihn angeschafft wurden. „Das soll mir helfen, beweglich und fit zu bleiben.“ Vor ein paar Monaten hat der Männerhaushalt Zuwachs in Gestalt von Golden Retriever Simba bekommen. „Er wird zum Behindertenhund ausgebildet und soll uns den Alltag erleichtern. Flo kann neben den Beinen ja auch seine Hände und Arme nicht richtig bewegen. Simba soll ihn in Zukunft unterstützen“, erklärt Jörg

Der Traum vom Gehen
Wie es weitergeht, weiß der 19-Jährige noch nicht genau. Seinen Job als Installateur kann er nicht mehr ausüben. „Ich will etwas mit Computern machen. Jetzt, wo es mir wieder besser geht, werde ich mich darüber genauer informieren“, so Florian. Außerdem möchte er den Sommer bestmöglich genießen und viel unternehmen. „Ich habe das Gefühl, die letzten Monate nur drinnen gewesen zu sein. Ich will wieder aktiver werden, wenn auch auf eine andere Art.“ Er schaut in Richtung Tatjana, die seit Beginn des Jahres seine Freundin ist. Gekannt haben sich die beiden schon länger. „Als wir zusammengekommen sind, haben das alle gut aufgenommen. Flos Freunde von früher hatten den Kontakt nach dem Unfall abgebrochen, aber mein Umfeld hat gut darauf reagiert“, erzählt sie. Wie die 21-jährige Bürokauffrau mit den Einschränkungen ihres Freundes umgeht, beantwortet sie ohne nachzudenken: „Ich sehe ihn anders. Über seine Behinderung kann ich hinwegschauen, und ich helfe ihm, wo ich nur kann.“


Trotz der großartigen Unterstützung hofft Florian, dass sich seine Situation eines Tages verbessert. „Natürlich wünschen wir uns von Herzen, dass irgendwann etwas gefunden wird, was Flo und all die anderen Betroffenen wieder auf die Beine bringt“, so Jörg. „Wenn ich träume, träume ich immer davon, dass ich gehen kann“, ergänzt Flo. „So richtig ist das Ganze wohl noch nicht bei mir angekommen.“ Für die Beantwortung der Frage, ob er eine Sache von früher besonders vermisst, nimmt sich der junge Mann viel Zeit. „Obwohl ich es noch immer nicht ganz fassen kann, ist es schwer, mir vorzustellen, dass alles wieder gut sein könnte. Würde sich mein Körper aber wie früher anfühlen, würde ich bestimmt wieder Gitarre spielen und eislaufen gehen. Am meisten fehlt mir aber, mich frei bewegen zu können. Gäbe es eine Heilung, würde ich aufstehen und einfach nur so lange laufen, bis mir die Luft ausgeht.“
 (David Robinson )
© David Robinson

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