„Ich stecke wirklich in großen Schwierigkeiten“


Zur Übersicht

Alejandros Leben drehte sich seit jeher um den Sport, vor allem das Wasser hatte es ihm angetan. Nach Tätigkeiten in Spanien und England arbeitete der sympathische Argentinier als professioneller Rettungsschwimmer in seiner Heimatstadt Miramar. Letztes Jahr änderte sich sein Leben dramatisch um 180 Grad, Alejandro verletzte sich das Rückenmark auf Höhe C-5. Er entschied sich, seine Geschichte zu teilen, um andere Betroffenen wissen zu lassen, dass sie nicht alleine sind.  

Alejandro, wie ist es zu deiner Rückenmarksverletzung gekommen?
Es passierte an einem warmen, sonnigen Nachmittag im März 2013. Ich ging mit einem Kumpel zum Surfen, an einen Spot, den ich sehr gut kannte, schließlich arbeitete ich damals dort als Rettungsschwimmer. Beim Rauspaddeln sah ich viele weitere Freunde, aber auch einen mir unbekannten Surfer. Ich schaffte es sofort, eine Welle zu erwischen und ritt auf ihr bis nahe zum Ufer. Es war ein tolles Gefühl voller Freiheit. Aber dann ging alles schief. Ich sprang kopfüber von meinem Board. Als ich meinen Fehler realisierte, war es schon zu spät. Eine Sandbank lag nur weniger Zentimeter unter der Wasseroberfläche und ich bin mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen. Plötzlich konnte ich weder meine Beine, noch meine Arme spüren. 



Was war dein erster Gedanke?
Ich habe nicht das Bewusstsein verloren, aber ich lag mit dem Kopf unter Wasser. Da ich mich nicht bewegen konnte, konnte ich natürlich auch keine Luft holen. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung als Rettungsschwimmer wusste ich, dass ich nur zwei Optionen habe. Entweder jemand würde meine Situation erkennnen und mich retten, oder ich würde ertrinken. Auf einmal drehte mich genau der eben erwähnte, mir unbekannte Surfer um ... und rettete mir damit mein Leben. Er legte mich langsam auf mein Board und brachte mich gemeinsam mit den anderen Freunden zurück zum Ufer. Da wusste ich, dass ich in sehr großen Schwierigkeiten stecke! 


Wie hat sich dein Leben seither verändert?
Auf der physischen Seite hat es sich radikal verändert. In fast jeder Lebenssituation bin ich auf die Hilfe anderer angewiesen. Dinge, die früher ganz einfach waren, sind auf einmal eine große Herausforderung. Meistens kann ich sie alleine gar nicht bewältigen. Ich muss zweimal überlegen, bevor ich irgendwo hingehe, und was ich dort benötige. Alltägliche Dinge brauchen heute viel länger. Oft überkommt einen eine gewisse Frustration und man wünscht sich das „alte“ Leben zurück. Insbesondere, wenn man wie ich, ein sehr aktives Leben, geprägt durch viel Sport hatte, und jetzt große Teile des Körpers nicht mehr bewegen kann.   


Was sind deine größten Barrieren?
Ich kann meine Finger nicht bewegen und ohne spezielle Adaptionen auch nichts festhalten. Sich im Rollstuhl bewegen zu müssen, ist oft ein Albtraum, insbesondere wenn man Hindernisse überwinden muss. Es gibt bei uns sehr viele Treppen und unebene Straßenpflaster, und kaum geeignete Toiletten oder öffentliche Verkehrsmittel für Behinderte. Probleme bereiten auch die fehlende Kontrolle über Blase und Darm sowie Spastizität.  


Was sind deine positiven Momente im Leben?
Der Unfall war so etwas wie ein neuer Start. Es ist eine große Herausforderung, die neuen Schwierigkeiten zu überwinden und an sich selbst zu arbeiten. Das sehe ich durchaus als positiv an. Ich habe mein Interesse am Radio gefunden und bin heute Teil einer täglichen Radioshow. Das macht mich glücklich. Ein großer positiver Aspekt, der für mich überraschend war, ist, so viel Liebe von meinem Umfeld zu bekommen. Es sind sehr viele Engel in mein Leben getreten, die mich unterstützen. Das alles hat mir einen neuen Blickwinkel gegeben. Wirklich wichtig sind die Menschen. 




Was ist dein größter Wunsch für die Zukunft?
Ganz klar: Unabhängigkeit. Ich hoffe, dass die Forschung es schafft, unsere Lebensqualität zu verbessern oder sogar eine Heilung zu finden. Dann möchte ich gerne eine eigene Familie gründen und alle meine Arbeitsprojekte in die Tat umzusetzen. Ich möchte mithelfen, diverse Dinge für Behinderte in Argentinien zu verbessern und den Rettungsschwimmer-Service in meiner Heimatstadt Miramar weiter zu entwickeln.    


Was erhoffst du dir von der Rückenmarksforschung?
Ich und viele andere Betroffene hoffen natürlich, dass die Forschung zu einer Lösung für unser Problem kommen wird, dass wir so viele Körperfunktionen wie möglich zurückbekommen. Die Verletzung selbst ist ja relativ klein im Verhältnis zu den schwerwiegenden Folgen – verrückt, wenn man darüber nachdenkt oder? Wir müssen die Forschung mit all unserer Kraft unterstützen, nicht nur aus Eigennutz sondern auch im Hinblick auf all jene, die diese schlimme Verletzung noch erleiden werden. 


Wie gefällt dir die Idee vom Wings for Life World Run?
Es ist eine großartige Idee und beinhaltet so viele tolle Dinge: Sport für wirklich jedermann, Solidariät auf einem internationalen Level, ein innovatives Laufformat mit den Catcher Cars, unglaubliche Landschaften und ein gemeinsames Ziel, eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden. Ich kann mir nichts besseres vorstellen. 


Warst du dabei oder kennst du jemanden, der teilgenommen hat?
Freunde von mir haben teilgenommen. Leider hatte ich kein geeignetes Transportmittel, um mit dem Rollstuhl hinzukommen. Aber nächstes Jahr will ich dabei sein, definitiv!  


Gibt es sonst noch etwas, was du unseren Lesern sagen möchtest?
Unterstützt die Forschung, spendet, macht beim World Run mit! Eure Hilfe könnte uns helfen, unsere Freiheit wieder zu erlangen. Danke auch an Wings for Life und alle, die dort arbeiten! In Euren Händen liegt unsere Hoffnung.
Als ich noch als Rettungsschwimmer gearbeitet habe, habe ich vielen Menschen geholfen, mit ihren Rollstühlen zum Beach zu gelangen. Heute bin ich es, der diese Hilfe braucht. Es kann jeden treffen. Daher sollte auch jeder mithelfen.  


Vielen Dank Alejandro, wir wünschen dir alles Gute!
 
Auch Sie sind nach einer Verletzung des Rückenmarks querschnittsgelähmt und möchten Ihre Geschichte teilen? Schreiben Sie uns doch einfach kurz und formlos an office@wingsforlife.com. Wir würden uns sehr freuen.