„Ich konnte meine Beine nicht mehr spüren“


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„Kommenden Mittwoch ist es soweit und ich werde aus dem Krankenhaus entlassen und darf mich in freier Wildbahn beweisen. Mit sehr gemischten Gefühlen sehe ich diesem neuen Kapitel entgegen. Was erwartet mich in meinem neuen Alltag? Wie verhalte ich mich, wenn nicht wie hier sofort Hilfe zur Stelle ist? Wie werde ich meine Tage strukturieren? Wohin führt mich die Jobsuche?“

Marcus Kriegel hält in seinem persönlichen Blog fest, was ihm auf der Seele brennt. Er schreibt auf, was weh tut. Dokumentiert Verletzungen, Gedanken. Ängste. „Das Erlebte und alles Drumherum so offen wie möglich anzusprechen hilft mir, es zu verarbeiten. Ich habe in meinem Leben oft vieles mit mir alleine ausgemacht, aber das war keine gute Lösung. Ich will mir nicht mehr selbst im Weg stehen. Das macht es auch für mein Umfeld leichter mit der Situation umzugehen.“ Mit der Situation meint Marcus seine Querschnittslähmung. Anfang diesen Jahres hatte der 42-Jährige einen schweren Unfall, bei dem sein Rückenmark verletzt wurde. In unserem Interview verrät er mehr. 

Marcus, kannst du uns ein bisschen von dir erzählen?
Ich komme aus Aachen, einer deutschen Stadt im Dreiländereck zwischen Belgien und den Niederlanden. Neben der Schule und nach meinem Abitur habe ich in Skateshops und einem Plattenladen gearbeitet. Von 2000 bis 2017 führten ein Freund und ich einen eigenen Skate- und Snowboardshop. Wir haben viele Ideen umgesetzt und ich mochte den Kontakt zu anderen Menschen.

Wie hast du deine Freizeit verbracht?
Ich bin ich sehr viel Fahrrad gefahren, habe mein Skateboard so oft benutzt wie es ging, habe beim Bau des lokalen DIY Skateparks geholfen, mochte Snowboarden und war regelmäßig als DJ unterwegs. Meine Interessen sind sehr vielseitig, einige aber leider nicht mehr möglich...

Hattest du Pläne für deine Zukunft?
Ich habe mein Leben nie großartig durchgeplant und mich oft treiben lassen, allerdings wäre ich privat bereit gewesen den nächsten Schritt mit meiner Freundin zu gehen... Beruflich stand eine Neuorientierung an. Ich hatte an den sozialen Bereich gedacht, war mir aber noch nicht 100%ig sicher.

Was ist dann passiert?
Am 29. Januar 2017 hatte ich einen schweren Unfall. Ich war mit Kunden im Zuge der Burn Tour am Montafon auf dem Grasjoch Snowboarden. Erst haben wir uns warm gefahren, bei der dritten Abfahrt ist es dann passiert... Mir fehlt die Erinnerung, aber wahrscheinlich hat ein Fahrfehler oder möglicherweise auch irgendetwas auf der Piste zu meinem Sturz geführt. Ich weiß noch, dass ich danach auf dem Bauch lag und meine Beine nicht mehr spüren konnte. Dann wurde ich mit dem Heli in die Uniklinik Innsbruck gebracht.

Wie lautete die Diagnose?
Bruch des 4. und 5. Brustwirbels – kompletter Querschnitt.

Wann wurdest du damit konfrontiert?
Im Aufwachraum der Klinik hat noch niemand mit mir darüber gesprochen. Ich hatte aber schon eine Ahnung, immerhin habe ich von der Brust abwärts nichts mehr gespürt. Die Diagnose wurde mir dann am nächsten Tag ziemlich schonungslos bei der Visite mitgeteilt. Zuerst war ich gefasst, aber nach und nach wurde mir die Dimension dieser Verletzung bewusst. Ich war sehr niedergeschlagen und traurig und wusste nicht, wie ich so weiterleben soll...

Wie verlief deine Reha?
Seit dem 5. Februar war ich auf Reha in der Klinik in Duisburg. Die ersten Tage und Wochen waren sehr hart und gewöhnungsbedürftig. Das beschreibe ich auch in meinem Blog. Manchmal habe ich Fortschritte gar nicht wahrgenommen. Erst nach ein paar Wochen wurde mir immer mehr bewusst, dass ich trotz des schweren Unfalls wieder einigermaßen selbstständig werden könnte. Ich habe mich auf die Dinge konzentriert, die ich schon erreicht habe und nicht nur auf das, was ich nicht kann. Dank der Hilfe meiner Freundin, meiner Familie und meiner Freunde habe ich die Zeit gut überstanden, seit Ende Juni bin ich zu Hause in einer rollstuhlgerechten Neubauwohnung. 

Welchen neuen Hürden musst du dich dabei stellen?
Ich bin jeden Tag mit Bordsteinen und Treppen konfrontiert und ich muss meinen Haushalt führen...

Mit welchen Rückschlägen kämpfst du am meisten?
Mit der Blasen- und Darminkontinenz, die ab und zu auftritt. Und damit, auch bei Kleinigkeiten auf Hilfe angewiesen zu sein. Die Spastik macht mir auch zu schaffen und schränkt mich manchmal in meiner Bewegung ein...

Inwieweit hat die Querschnittslähmung dein Leben verändert?
Sie hat alles verändert. Mein Leben hat eine 180° Wendung gemacht und ich bin von „selbstständig in allen Bereichen“ auf „oftmals auf Hilfe angewiesen“ zurückgefallen. Ich muss mich immer noch daran gewöhnen, Hilfe anzunehmen bzw. danach zu fragen.

Gibt es etwas, das dich beschäftigt?
Ich hadere mit meiner Situation, wenn ich daran denke was ich hätte anders machen können oder warum ich nicht meinem Instinkt gefolgt bin und an diesem Morgen einen anderen Berg gefahren bin. Diese Gedanken kommen leider ungefragt und ich muss mich damit auseinandersetzen; wohlwissend, dass ich nichts mehr ändern kann...

Woher nimmst du deinen Optimismus?
Ich ziehe meinen Optimismus aus Gesprächen mit meinen engsten Freunden und auch aus kleinen Erfolgserlebnissen, die mich stärken. Ich will so normal wie nur möglich am Leben teilnehmen und mich nicht Zuhause verkriechen.

Welche Träume hast du?
So viel „Normalität“ wie möglich in mein Leben zurückzubringen und einen neuen Job zu finden. Außerdem will ich meine Genesung weiter vorantreiben und meine Beine wieder benutzen können. Die Erforschung des verletzten Rückenmarks ist so wichtig und es ist mehr als nötig, hier einen Durchbruch zu schaffen. 

 

Zum Abschluss noch ein kurzer Word Rap:

Meine große Stärke: auf Menschen zugehen können

Meine Schwäche: nicht immer an mich zu glauben

Das bringt mich zum Lachen: der Humor meiner Freundin

Das macht mich traurig: an das Leben vor dem Unfall zu denken

Schicksal bedeutet für mich: dass es vielleicht keine Zufälle gibt

Darauf freue ich mich: Fortschritte zu machen und Veränderungen zuzulassen

Davor habe ich Angst: dass die Situation so bleibt und ich keine Veränderung mehr spüre

In zehn Jahren werde ich: hoffentlich Fortschritte gemacht haben und die Medizin auch

Hoffnung bedeutet für mich: nicht aufzugeben und an sich und das Umfeld zu glauben

 

Wir wollen Querschnittslähmung heilen. Bitte helfen Sie uns dabei.