© Jürgen Skarwan

„Ich konnte es lange nicht akzeptieren“


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Vor fast zehn Jahren stürzte Werner Rosenberger und erhielt die Diagnose „inkompletter Querschnitt“. Welche Folgen das für den heute 42-Jährigen hatte und wie er heute damit lebt, darüber spricht er im Interview.

Wie haben Sie Ihr Leben vor Ihrem Unfall in Erinnerung?
Ich komme aus Krems, habe aber in Wien studiert. Beendet habe ich mein Studium nicht. Ich wollte unbedingt arbeiten, mich bewegen und mittendrin sein. Ich war in der Gastronomie tätig und sehr viel unterwegs. Außerdem war ich sportlich und hatte viele Auftritte als Musikant mit meiner Posaune. Lange bin ich zwischen Krems und Wien gependelt. Ich war rastlos und wollte mich nie wirklich festlegen.

Wie lange ging das so?
Ich war lange jung. Mit 27 habe ich meine Lebensgefährtin Maria kennengelernt. Ein paar Jahre später haben wir uns eine Familie gewünscht und sind nach Krems gezogen. Mit 33 wurde ich dann zum ersten Mal Vater eines Sohnes. Zehn Wochen vor meinem Unfall …

Was genau ist passiert?
Am 2. September 2006 veranstaltete meine Familie ein Fest, bei dem ich mitgearbeitet habe. Für den Weg nach Hause habe ich das Rad genommen. Es war schon recht spät, aber ich habe mich fit gefühlt. Ich weiß bis heute nicht, warum, aber während der Fahrt habe ich die Kontrolle über das Fahrrad verloren. Ich hab mich überschlagen und bin auf dem Kopf gelandet. Dann blieb ich am Bauch liegen, vollkommen bewegungslos.

Wie ging es weiter?
Bekannte haben mich noch stürzen sehen und sofort Hilfe geholt. Dann ging alles recht schnell. Der Notarzt kam, hat mir ganz vorsichtig meinen Helm entfernt, und ich wurde mit dem Helikopter ins Krankenhaus nach Wien geflogen. Mir war sofort klar, dass mir etwas wirklich Schlimmes passiert ist.

Wie war die Zeit im Krankenhaus?
Ich wurde operiert und war danach zwei Wochen lang im künstlichen Tiefschlaf. Unter schlimmen Albträumen bin ich danach langsam zu mir gekommen. In der ersten Zeit konnte ich nichts außer meinen Kopf bewegen. Ich hatte Panik und fiel in ein tiefes Loch. Die Einzigen, die ich sehen wollte, waren meine Freundin und mein Baby.

Wie lautete die Diagnose?
Mein Rückenmark war zwischen C3/C4, also an den oberen Halswirbeln, gequetscht. Die Ärzte diagnostizierten mir einen inkompletten Querschnitt.

Was hat das für Sie bedeutet?
Eine Querschnittslähmung konnte ich überhaupt nicht akzeptieren. Nach der Intensiv kam ich für drei Wochen auf die normale Station im Krankenhaus in Krems. Im Zuge einer Therapie wurde dort mein Körper durchbewegt. Ich spürte dumpf Berührungen in meinen Zehen, es waren Restfunktionen vorhanden. Das ist typisch bei einem inkompletten Querschnitt – manches funktioniert noch. Ich war mir zu dieser Zeit sicher, bald wieder normal gehen zu können. Ich dachte, wenn ich hart trainiere, bin ich bald wieder gesund. Ich war sehr naiv. Wahrscheinlich, um mich zu schützen.

Welche Rolle hat Ihre Familie dabei gespielt?
Meine Freundin war sehr tapfer und motivierend. Sie hat alle, die mich besucht haben, darauf gedrillt, dass sie positiv sein müssen und ich kein Mitleid gebrauchen kann. Sicher hat auch sie eine lange Zeit nicht akzeptiert, dass meine neue Situation ernster ist, als ich es wahrhaben wollte.

Und dann ging es auf Reha.
Genau. Ich kam für zehn Monate auf den Weißen Hof in Klosterneuburg und hatte dort wahnsinnig viel Zeit, um nachzudenken. Mir halfen Hörbücher über geistige Heilung und mentale Stärke. Und auch meine Mobilität wurde besser. Mit der Zeit konnte ich ein Glas wieder selbst halten, mich selbst rasieren oder meine Zähne putzen. Ich konnte meine Beine zum Teil wieder bewegen, nach einem halben Jahr stand ich mit viel Hilfe das erste Mal wieder auf eigenen Beinen. Und auch meinen Darm konnte ich immer besser kontrollieren. Im Juli bin ich dann nach Hause gekommen.

Zu Fuß, wie Sie es sich gewünscht hatten?
Leider nicht. Ich habe zwar Restfunktionen, allerdings reagiert mein Körper nur eingeschränkt. Ich brauche seit meinem Unfall einen Rollstuhl. Ich weiß nicht mehr, wann genau, aber irgendwann habe ich angefangen, diesen neuen Zustand hinzunehmen.

Wie war die erste Zeit daheim?
Während meiner Reha haben meine Familie und Freunde ein altes Haus barrierefrei umgebaut. Plötzlich brauchte ich ständig Hilfe, das musste sich erst einstellen. Maria hat mich sehr unterstützt. Meinen Pflegedienst, also mich waschen, Hilfe beim Toilettengang oder Anziehen, hat von Anfang an jemand anders übernommen. Wir als Paar wollten Beziehung und Pflege ganz klar trennen. Maria sollte nicht meine Dienstleisterin sein.

Ihr Sohn war zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahr alt, oder?
Er hat gerade Laufen gelernt. Das war hart für mich, weil ich lange dachte, dass wir das gemeinsam machen. Ich wusste, dass ich etwas tun muss, bei dem ich mich nicht nur mit mir und meiner Situation beschäftigte.

Was haben Sie gemacht?
Ich habe ein PR-Fernstudium begonnen und es nach drei Jahren abgeschlossen. Danach habe ich Kunden in Sachen Marketing betreut und wurde von meinem jetzigen Chef angesprochen. Was mein Privatleben anging, wollten Maria und ich unbedingt ein zweites Kind. Vier Jahre nach der Geburt von Felix haben wir auf natürlichem Weg noch einen Sohn bekommen.

Wie ist Ihre Rolle als zweifacher Familienvater?
Vater zu sein ist in meiner Situation nicht immer einfach. Ich versuche, viel mit meinen Jungs zu unternehmen, sie mir auf den Schoß zu setzen und irgendwie ein normales Leben zu führen. Beide kennen ihren Papa nur im Rollstuhl. Trotzdem tut es mir manchmal weh, wenn ich andere Väter sehe, die mit ihren Jungs Fußball spielen und rumtollen.

Wie gehen Sie mit Tiefs um?
Am Anfang habe ich mich schon gefragt: Warum musste das ausgerechnet mir passieren? Dann habe ich Menschen gesehen mit der selben Verletzung wie ich – nur komplett querschnittsgelähmt. Die fahren ihre Rollstühle mit einem Mundjoystick … Es ist ein Hin und Her. Ich will so gern wieder auf einem Gipfel stehen oder musizieren wie früher. Und zur selben Zeit ermahne ich mich, dass ich es akzeptieren und das Beste daraus machen muss.

Wie leben Sie mit Ihrer Familie heute?
Eine Assistenz unterstützt mich im Alltag und bei der Arbeit.

 (Jürgen Skarwan )
© Jürgen Skarwan

Es ist immer noch schwer, ständig jemanden um etwas bitten zu müssen. Ich musste sehr viel Genügsamkeit und Geduld lernen. Ich versuche, viel mit meiner Familie zu unternehmen, schaue meinen Jungs beim Sport zu und genieße die gemeinsame Zeit.

Setzen Sie sich auch mit der Heilung von Querschnittslähmung auseinander?
Ja, wir waren letztes Jahr beim Wings for Life World Run dabei und will auch am 7. Mai 2017 wieder starten. 

Ich verfolge die Arbeit von Wings for Life und finde es super, dass immer weiter geforscht wird. Ich bin froh, dass bei klinischen Studien Sicherheit eine so große Rolle spielt. Gäbe es etwas, was mich von meinen Einschränkungen befreit, würde ich alles annehmen. Bis dahin stelle ich mir Bewegungen im Kopf vor und träume davon, eines Tages mit meinen Jungs einem Fußball hinterherzulaufen.

Bitte unterstützen Sie uns bei unserer Mission: Querschnittslähmung heilen. Jede Spende geht zu 100% in die Rückenmarksforschung. Danke.