© David Robinson

„Ich hatte eine Riesenangst“


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Heinz Kinigadner und sein 2003 verunfallter Sohn Hannes erinnern sich an den schlimmsten Tag in ihrem Leben. Ein Gespräch aus zwei Perspektiven und über eine gemeinsame Hoffnung. 

Interviewsituation mit Heinz Kinigadner. Für eine Reportage erinnert er sich vor einer Kamera noch einmal an den Tag, der das Leben seines Sohnes und damit auch sein eigenes komplett verändert hat.
„Es war der 26. Juli 2003. Ich war bei der MotoGP am Sachsenring in Deutschland. Hannes hat für mich bei einem Benefiz-Motoradrennen in Oberösterreich teilgenommen“, erzählt er. Völlig unerwartet erhält Kinigadner auf der deutschen Strecke einen Anruf. Hannes ist schwer gestürzt und hat sich Verletzungen unbekannten Grades zugezogen. Ein Schock.
„Für mich als Vater hat sich in diesem Moment die Welt aufgehört zu drehen“, denkt er zurück. Der ehemalige Motocross-Weltmeister fliegt sofort nach Hause. Zur gleichen Zeit beginnt für Hannes der Kampf ums Überleben. 
Auf der Intensivstation übersteht der damals 19-Jährige zwei Herzstillstände, einen Kleinhirninfarkt und wird vor dem Ersticken gerettet. „Beim Unfall hat er sich außerdem den fünften Halswirbel und das Rückenmark verletzt. Als er stabil war, wurde klar, dass er ab dem Hals querschnittsgelähmt ist.“ 
Der Redakteur will wissen, welche Gedanken dem Vater nach dieser Diagnose durch den Kopf gingen. Dieser überlegt kurz. „Ich hatte eine Riesenangst. Trotzdem waren meine Familie und ich voller Hoffnung.“ 
Ein Jahr später gründet der österreichische Sportler gemeinsam mit seinem Freund Dietrich Mateschitz die Stiftung Wings for Life. Das Ziel: Querschnittslähmung heilen. „Ich war und bin der Überzeugung, dass die Situation für Hannes und alle anderen Betroffen so nicht bleiben wird. Dafür fördern wir Spitzenforschung auf der ganzen Welt.“

Heinz und Hannes Kinigadner vor den Dreharbeiten mit Anita Gerhardter. (David Robinson)
Heinz und Hannes Kinigadner vor den Dreharbeiten mit Anita Gerhardter.  © David Robinson

Schmerzliche Erinnerungen
Hannes selbst sitzt während des Drehs etwas abseits und folgt den Erzählungen seines Vaters, nickt häufig. Das Fernsehteam bittet ihn dazu, möchte auch seine Version der Geschichte hören. „Ich erinnere mich, dass ich nach dem Sturz auf dem Bauch lag und meine Hände sah. Es hat sich aber angefühlt, als hätte ich sie in den Boden unter mir gerammt. Ich konnte sie leicht bewegen, meine Beine aber nicht.“ Noch während der Erstversorgung vor Ort werden Hannes starke Medikamente verabreicht, erst Tage später – und nach mehreren OPs - kommt er im Krankenhaus zu sich. Er erlebt diese Zeit als extrem schlimm, hat viele Albträume. „Ich konnte nicht viel nachdenken. Mein Körper war fast ausschließlich damit beschäftigt, zu kämpfen.“
Das Ausmaß seiner Rückenmarksverletzung wird ihm demnach später bewusst: „Ich habe es erst realisiert, als mich die Krankenschwestern in einen Rollstuhl gesetzt haben. Da war mir klar, dass ich querschnittgelähmt bin und was das in Ansätzen für mein Leben bedeutet."
Nach der Reha kommt Hannes heim, das ganze Haus der Familie Kinigadner in Tirol muss behindertengerecht umgebaut werden. Wieder realisiert er das Ausmaß seiner Verletzung ein Stück mehr. „Man muss auf einmal aufpassen, dass man keine Hautprobleme bekommt weil man ja nichts mehr fühlt. Plötzlich kann man nicht mehr alleine auf die Toilette gehen und ist ständig von anderen Leuten abhängig. Der Unfall hat alles verändert.“
Hannes ist Tetraplegiker, kann seine Arme nur eingeschränkt bewegen. „Ich brauche dadurch Hilfe beim Anziehen, beim Essen, Trinken und Waschen. Eigentlich bei allem.“

Vorbereitung auf Tag X
Was diese Veränderung psychisch für ihn bedeutet, fragt ihn der Reporter. „Es ist schwierig. Aber meine Familie unterstützt mich sehr und irgendwie wächst man da rein. Man muss ja weitermachen“, erklärt der 31-jährige. 
„Hannes ist diesbezüglich ein großes Vorbild für uns“, ergänzt sein Vater. „Wenn wir in die Versuchung kommen, in ein Tief zu fallen, ist er der Starke. Kein gesunder Mensch kann sich vorstellen, was es bedeutet, querschnittsgelähmt zu sein. Und obwohl auch mein Bruder im Rollstuhl sitzt, konnte ich das Ausmaß dieser Verletzung für den Alltag damals nicht im geringsten erahnen.“
Vater und Sohn sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Hannes macht viele Therapien und hält sich mit Sport fit. Er will für den Tag X, wie er ihn nennt, gerüstet sein. „Nerven im Rückenmark sind zur Regeneration fähig. Das Problem Querschnittslähmung ist immer mehr erforscht und wird besser verstanden. Jetzt arbeitet man an einer Lösung“, so Hannes. „Seriöse Forschung braucht Zeit, aber ich bin sicher, dass ich noch aus diesem Stuhl aufstehen werde“, sagt er voller Überzeugung und schaut vorbei an der Kamera, zu seinem Vater. Der nickt ihm bestätigend zu.

 (David Robinson)
© David Robinson

Wings for Life hat durch Spendengelder bis dato 124 Projekte zur Rückenmarksforschung weltweit gefördert. Helfen Sie uns, Querschnittslähmung zu heilen.