© Christopher Kelemen

„Ich dachte, alles wird wieder gut“


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Wie fühlt es sich an, plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein? Wie hält eine Beziehung so einer Veränderung stand? Und wie ist es, wenn plötzlich ein Kind alle Routine aufmischt? Martin Höfer erzählt seine Geschichte.

Ich weiß, dass ich mit meinem Paragleiter in der Luft war und landen wollte. Im nächsten Augenblick lag ich bewegungsunfähig auf der Intensivstation.“ Martin Höfers Unfall liegt dreizehn Jahre zurück, trotzdem erinnert er sich noch genau an die große Verwirrung und die vielen Sorgen von damals. „Ich habe vermutet, dass mir etwas beim Fliegen oder mit dem Auto passiert sein musste. Aber ich hatte keine Ahnung …“ Martin erzählt ruhig und überlegt, während seine Frau Tanja neben ihm sitzt und den dreijährigen Stefan im Arm hält. „Papa aua“, sagt der mitfühlend und zeigt auf den Rollstuhl seines 41-jährigen Vaters.

Karriere und Sport
Martin wächst im niederösterreichischen Hofamt Priel auf, zieht nach dem Gymnasium nach Wien, um dort an der Universität für Bodenkultur zu studieren. „Dann habe ich bei einer Firma angefangen, die Baugutachten erstellt“, sagt er. Für den sportlichen Geotechniker ein Traumjob, vor allem auch, weil er viel auf Baustellen unterwegs und damit körperlich gefordert ist. 2001 verliebt er sich in Tanja, gemeinsam verbringen sie ihre Freizeit mit Wandern, Klettern, Mountainbiken und Snowboarden. Dazu ist Martin begeisterter Paragleiter. Einige Jahre fliegt er bereits regelmäßig, als er im Juni 2004 mit Freunden nach Italien fährt. „Wir waren dort viel paragleiten. Der Ausblick von oben ist traumhaft, und man hat diese absolute Stille“, erinnert er sich. Am letzten Tag beschließt der damals 28-Jährige, schon etwas früher als die anderen nach Hause zu fahren und einen Zwischenstopp einzulegen. „Ich wollte wieder einmal von der Emberger Alm in Kärnten fliegen.“ Martin erreicht am Nachmittag das Fluggebiet Greifenburg, fährt mit dem Bus zum Startplatz – und hebt ab. „Ich weiß noch, dass ich in der Luft war und landen wollte …“

Ein Jahr vor dem schweren Unfall: Martin mit seinem Gleitschirm.
Ein Jahr vor dem schweren Unfall: Martin mit seinem Gleitschirm. 

Damit endet Martins Erinnerung. Und sein Leben, wie er es bis dahin kennt.

„Zunächst war ich überzeugt, dass alles gut wird.“
Tanja erhält kurze Zeit später einen Anruf von Martins Mutter. Sein Schirm sei fünfzig Meter über dem Boden wegen einer Böe kollabiert, ihr Freund in einer Spiralbewegung ungebremst am Boden aufgeschlagen. „Sie hat mir ganz ruhig gesagt, dass Martin eine Verletzung am Rücken hat. Auch wenn ich nicht genau wusste, was das bedeutet, hatte ich schon das Bild von ihm im Rollstuhl im Kopf“, so die Bauingenieurin. Als sie ins Klagenfurter Krankenhaus kommt, erklärt ihr ein behandelnder Arzt, dass Martin sich vier Brustwirbel verletzt hat. „Das waren aber nur Knochenbrüche, die wieder heilen würden.“ Viel mehr Sorgen macht den Medizinern der Bruch des 5. und 6. Halswirbels. „An dieser Stelle kam es zu einer Schwellung des Rückenmarks – keiner konnte abschätzen, was das langfristig bedeutet.“
Martin wird operiert, seine Halswirbel werden verplattet. Als er zu sich kommt, blendet ihn das Licht der Intensivstation, er kann nur noch Kopf und Arme minimal bewegen.
Nach einem Lungenzusammenbruch und dem folgenden Luftröhrenschnitt muss er beatmet werden. „Es ist schwer, das alles zeitlich zu sortieren. Ich erinnere mich aber daran, dass ich nicht mal sprechen konnte und Tanja sehr oft bei mir war.“ Martin bekommt starke Medikamente. „Die Ärzte meinten irgendwann, dass ich motorisch komplett und sensorisch inkomplett querschnittsgelähmt bin. Mit Geduld könnten demnach alle möglichen Funktionen zurückkommen.“ Martin ist erleichtert und optimistisch. „Ich war damals absolut davon überzeugt, dass alles wieder gut werden würde.“ Fast zur selben Zeit erfährt auch Tanja Genaueres über mögliche Folgen. „Zu mir hat man gesagt, dass die Verletzung sehr hoch ist und dass Martin im schlimmsten Fall nicht von der Beatmungsmaschine wegkommen wird.“ Martin ergänzt: „Und sie haben Tanja nahegelegt, sich besser einen neuen Lebenspartner zu suchen.“ Zu Hause liegt Tanja die ganze Nacht wach. „Martin ist ein Kämpfer, der sich nicht hängenlässt. Für mich war klar, dass ich unsere perfekte Beziehung nicht aufgeben werde.“

Die ganze Zeit nur liegen
Jeden Tag ist Tanja bei ihm, sieht zu, wie er geduldig darauf wartet, dass sich etwas verbessert. Von Anfang an spürt Martin Berührungen an den Beinen, fühlt es, wenn jemand seine Zehen drückt. „Alles war noch da, nur etwas dumpfer. Ich habe immer gehofft, dass ich wieder der Alte werde.“ Nach zwei Wochen wird Martin liegend in ein Krankenhaus nach Wien überstellt, muss dort noch einmal drei Wochen auf der Intensivstation bleiben. „Ich war die ganze Zeit über beatmet und konnte nicht sprechen. Trotzdem war ich froh, dass so viel Besuch kam. Ich habe mich von einem zum nächsten gerettet und mir dazwischen mit viel Musik eine Art Traumwelt aufgebaut.“
Als Martin dann vorsichtig von der Beatmungsmaschine genommen wird, schafft er es nicht, selbständig zu atmen. „Ich hatte fast eine Stunde lang das Gefühl, zu ersticken. Ich wurde wieder angehängt, zwei Tage später ging es besser.“

Ein langes Jahr Reha
Dann wird Martin im Liegen ins Rehazentrum Weißer Hof überstellt. „Eine Ärztin dort sagte mir, dass ich im besten Fall mit Krücken nach Hause gehe.“ Martin ist sicher, dass er es sogar ohne Gehhilfe schaffen wird. Drei Monate dauert es, bis er sich langsam aufsetzen und mehr bewegen darf. Mit Unterstützung vieler Therapien kehrt ein besserer Bewegungsradius in seinen Armen zurück, der Trizeps und die Handgelenke funktionieren wieder eingeschränkt. Er lernt, allein zu essen und sich seine Zähne zu putzen. Enorme Fortschritte. „Jeden Tag wurde ich aber bei der Visite auch gefragt, ob ich meine Zehen schon bewegen kann.“ Jedes Mal muss Martin verneinen. Er spürt sie zwar, die Bewegung bleibt aber unmöglich, die von ihm erhoffte Genesung wird immer unrealistischer. Gespräche mit einer Psychologin helfen ihm. „Es kam irgendwie schleichend, dass ich mich damit abgefunden habe.“
Martin ist sehr ehrgeizig, lernt, mit seinen schweren Spastiken umzugehen, in den Rollstuhl überzuwechseln und sich selbst aufzusetzen. „Es war klar, dass ich im Rollstuhl bleiben würde. Trotzdem tat ich alles, um so selbständig wie nur irgendwie möglich zu werden, auch um das aus unserer Beziehung rauszuhalten.“
Tanja ist ihm mit ihrer positiven Einstellung eine große Stütze. „Sie war immer für mich da und ist zweifelsohne dafür verantwortlich, dass ich nie in ein Loch gefallen bin.“ Gegen Ende der einjährigen Reha suchen die beiden eine erste gemeinsame und barrierefreie Wohnung, in die sie wenig später ziehen.

Alltags- und Beziehungsprobe
„Als ich heimkam, bin ich aus dem Auto raus, in den Rollstuhl und vor einem Randstein gestanden“, erinnert sich Martin an eine von vielen neuen Hürden. „Auch im Alltag, beispielsweise beim Einkaufen, werden einem ständig die eigenen Grenzen aufgezeigt.“
In der neuen Eigentumswohnung findet Martin sich aber bald zurecht, braucht Tanjas Hilfe nur teilweise, und auch beruflich geht es für ihn weiter. „Mein ehemaliger Chef hat mir wieder einen Job angeboten. Baustellen kommen zwar nicht mehr in Frage, aber ich habe gelernt, mit den kleinen Fingern zu schreiben, und bin zurück ins Büro.“

 (Christopher Kelemen)
© Christopher Kelemen

2007 heiraten Martin und Tanja. „Der schönste Tag in meinem Leben“, lächelt er. „Obwohl ich am Standesamt kurz Panik hatte, dass sie vielleicht nein sagen könnte.“ Der Sportler probiert viel Neues aus. „Ich habe Hobbys wie Rollstuhlrugby und Handbiken für mich entdeckt.“ Tanja hingegen nimmt sich komplett zurück. „Sie gab alles auf, was wir früher zusammen gemacht hatten.“ Seine Frau nickt und ergänzt: „Ich wollte ihm nicht vor die Nase halten, was er nicht mehr kann …“
Martin beim Überwechseln in sein Trainingsgerät. (Christopher Kelemen)
Martin beim Überwechseln in sein Trainingsgerät.  © Christopher Kelemen

Fünf Jahre geht diese absolute Rücksichtnahme gut. „Es war offensichtlich, dass ihr etwas fehlte. Etwas, das ich ihr nicht mehr geben kann“, so Martin. Er animiert seine Frau, wieder mehr Sport zu machen und klettern zu gehen. Tanja resümiert: „Er hatte aber damit zu kämpfen. Das hat sich auch in seiner Laune vor und nach meinen Ausflügen gezeigt.“ Eine sehr harte Zeit für die beiden. Martin: „Tanja hat recht. Es fiel mir wirklich schwer, aber ich musste lernen, das zu akzeptieren.“ Viele Diskussionen und Gespräche helfen dem Paar.

Neue Rolle als Familienvater
Bald wünschen sie sich, Eltern zu werden. „Leider hat das nicht funktioniert. Auch nicht mit medizinischer Hilfe. Wir haben uns dafür entschieden, ein Pflegekind bei uns aufzunehmen“, erzählen sie und schauen Stefan dabei zu, wie er einen Ball durch den Garten spielt. „Er ist sehr aktiv und mag Fußball“, lächelt Martin.

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Die neue Situation, gibt er zu, macht ihm teilweise zu schaffen. „Das mit dem Kleinen war noch einmal so ein Erwachen. Ich kann nicht der Vater sein, der ich gerne sein möchte“, wird er ernst. „Mit ihm am Boden rumzutoben ist unmöglich, ich kann ihn nicht einfach hochheben, und wenn ich mit ihm etwas zusammenbaue, dauert ihm das viel zu lange. Ich bin bei allem, was ich mit ihm mache, sehr stark eingeschränkt.“ Doch das scheint Stefan schnell akzeptiert zu haben. „Er nimmt Rücksicht und gehorcht mir, wenn wir allein sind."
Auch wenn sein Unfall lange zurückliegt, sieht Martin die Rückenmarksforschung als wichtig an. „Ich bin froh, dass es Wings for Life gibt und damit jemanden, der eine Heilung zuverlässig voranbringt.“ Eine Sache gäbe es nämlich schon, die Martin sofort machen würde, könnte er seinen Körper wieder bewegen so wie früher: „Ich würde mir unseren Kleinen und die Kinder meines Bruders und von Tanjas Schwester schnappen und mit ihnen gemeinsam wandern gehen.“
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