© Andreas Brandl

„Früher habe ich mich so frei gefühlt“


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Yoshij Grimm war ein Sonnyboy. Sportlich, beliebt und beruflich sehr erfolgreich. Dann veränderte ein Unfall alles. Mit uns teilt der heute 24-Jährige seine Geschichte.

Mein Leben war genial. Ich war Sportler, Synchronsprecher und richtig viel unterwegs. Dann veränderte sich alles, weil mir ein LKW-Lenker die Vorfahrt nahm.“ Während der 24-jährige Yoshij Grimm seine Geschichte erzählt, schaut er oft ins Leere. Er bemüht sich, stark zu wirken, versucht zu lächeln, kämpft aber immer wieder mit den Tränen. 
Yoshij wird in Berlin geboren und lebt dort gemeinsam mit seiner älteren Schwester und seiner alleinerziehenden Mutter. „Ich war schon als Kind recht aktiv, habe fast jeden Sport ausprobiert, den es gibt“, erinnert er sich. Mit sechs wird sein damals bester Freund für einen Film als Schauspieler gecastet. „Das war so cool, dass ich das unbedingt auch wollte.“ Yoshijs Mama meldet ihn bei einer Schauspielagentur an, bald bekommt er seine ersten Rollen in deutschen Fernsehproduktionen. „Das alles war wahnsinnig aufregend für mich. Schnell wurde mir aber bewusst, wie eingebildet und neben der Spur die anderen Schauspielkids waren.“ Als Yoshij eine Rolle in einer englischen Produktion bekommt, synchronisiert er sich dafür selbst.

Yoshij im Sommer 2010 mit guten Freunden.
Yoshij im Sommer 2010 mit guten Freunden.  

Yoshijs Paraderolle 
„Synchronsprechen hat mir viel mehr Freude gemacht als die Schauspielerei. Man lässt dabei diese ganze künstlerische Freiheit weg. Man hat ein klares Projekt, braucht volle Konzentration, und es gibt nur ein Richtig.“ Yoshij lernt schnell, hat ein gutes Gefühl für Sprache und Betonungen. „Ich konnte mich gut in Rollen und Stimmungen versetzen und war bald gut im Geschäft“, erzählt er von seinem frühen beruflichen Erfolg. Mit zwölf synchronisiert er regelmäßig Filme und spricht Hörspiele. Seine Paraderolle: Peter Shaw aus „Die drei ??? Kids“. „Dieser Charakter mag oft ein bisschen ängstlich sein. Doch er ist auch sportlich und abenteuerlustig. Er war mir wie auf den Leib geschneidert.“

Auf der Überholspur
Wie der Filmheld will auch Yoshij alles ausprobieren. Er ist Mitglied im Turn- und Trampolinverein, macht Capoeira, klettert mit dem Landesjugendkader Berlin, fährt Wakeboard, Snowboard und Skateboard. „Mit 15 entdeckte ich dann Motorräder für mich. Ich fuhr Trial und wurde Motocross-Enduro-Trainer und Tourguide, bin gefahren, wann immer ich konnte.“ Nach dem Abitur beginnt er, Philosophie und deutsche Literatur zu studieren. „Mit dem Synchronsprechen habe ich mir meine Hobbys finanziert. Das Studium habe ich eigentlich nur aus Interesse angefangen. Unter der Woche habe ich also studiert und gearbeitet, und an den Wochenenden bin ich meiner Leidenschaft für den Motorsport nach gegangen. Außerdem war ich in sämtlichen großen Clubs Berlins unterwegs, wo ich tausend Leute kannte. Es war perfekt!“

Aus dem Leben gerissen
„Dann kam der 17. Juni 2014“, wird der Sportler ernst. Zwei Tage nach seinem 23. Geburtstag. Nur fünf Minuten brauchte er für gewöhnlich von sich daheim zum Synchronstudio. Yoshij fuhr mit seinem Motorrad mit den vorgeschriebenen 50 km/h über eine grüne Ampel. „Ein LKW auf der Gegenfahrbahn hat den gesamten Verkehr ignoriert und ist einfach links abgebogen. So hat er mir die Vorfahrt genommen. Ich hatte keine Chance“, gibt er den Polizeibericht wieder. 

Die Ampelkreuzung, an der Yoshij verunfallte.
Die Ampelkreuzung, an der Yoshij verunfallte.  

Dass er überlebte, verdankt er einem Zufall. Nur eine Ecke weiter parkte ein Rettungswagen, der innerhalb von wenigen Minuten am Unfallort eintraf. „Genau zu dieser Zeit hatte ein Rettungssanitäter Dienst, der vorher lange in der Herzchirurgie der Charité Berlin gearbeitet hatte.“ Yoshijs Zustand ist kritisch. „Meine Wirbel waren verletzt, ich hatte ein Thorax- und Schädel-Hirn-Trauma. Außerdem stachen meine gebrochenen Rippen in die Lunge. Der Sanitäter wusste von seiner damaligen Arbeit, was zu tun war, um mich zu beatmen. Er hat mir das Leben gerettet.“ Schwer verletzt wird Yoshij ins Krankenhaus eingeliefert. „Nach dem Unfall war ich bewusstlos, wurde notoperiert und dann für drei Wochen ins künstliche Koma versetzt. Sämtliche Aktivitäten wurden runtergefahren.“ Als er aufwacht, hat er sein bisheriges Leben vergessen.

Diagnose: Querschnittslähmung
In den folgenden Wochen wird der Synchronsprecher von Panikattacken begleitet. „Nach zwei Monaten kam ich in die Frühreha nach Beelitz. Damals noch mit künstlicher Beatmung. Ich bin dort wochenlang aufgewacht, wusste nicht, wo ich war, wollte weglaufen, schrie und schlief wieder ein.“ Dann beginnt er, sich langsam zu erinnern, erkennt seine Mutter und seine Schwester. „Außerdem war an meinem Bett eine schöne junge Frau. Sie schluchzte und küsste mich. Ich dachte, das muss wohl meine Freundin sein.“ Seine Familie und Freunde erinnern Yoshij immer wieder daran, was passiert war. Dass es einen Unfall gegeben hat, bei dem er schwer verletzt wurde. So schwer, dass er von der Brust abwärts gelähmt bleiben wird. „Ganz langsam habe ich gecheckt, dass mein Rückenmark irreparabel verletzt ist. Dass ich unterhalb der Bruchstelle nichts mehr fühlen und bewegen kann“, denkt Yoshij mit leerem Blick zurück.

Verlorene Freiheit
Für Yoshij folgen sieben Monate Reha. „Dort waren wir nur drei Leute unter 40 Jahren. 80 Prozent waren Schlaganfallpatienten. Ich konnte nicht ertragen, einer von den Menschen zu sein, die hier hingehören. Oft dachte ich, ich wäre bei dem Unfall lieber gestorben.“ Langsam kommt Yoshijs Bewusstsein zurück. „Je klarer ich aber im Kopf wurde, desto mehr habe ich auch verloren. Mir wurde immer mehr bewusst, was wegen meiner Querschnittsähmung alles nicht mehr geht und ich nie mehr machen werde.“ Besonders die Tatsache, im Motorsport nicht mehr aktiv sein zu können, trifft ihn schwer. „Ich bin doch jahrelang nur durch die Gegend gesprungen, habe mich überall so frei gefühlt. Ich habe mir in der Phantasie einen Sprung ausgemalt und konnte ihn wahr werden lassen. Das habe ich für immer verloren.“ Neun Monate nach seinem Unfall kommt Yoshij nach Hause. Wie schon im Krankenhaus und auf Reha besuchen ihn unzählige Freunde, erzählen von früher, schmieden mit ihm Zukunftspläne. „An meine damalige Freundin erinnere ich mich noch immer nicht so richtig. Unser Kontakt ist minimal.“

Hoffnung auf Heilung 
Noch kann Yoshij nicht in seinen Job und auf die Uni zurückkehren. Zu schwer waren seine Kopfverletzungen, zu sehr hat er noch mit seiner eingeschränkten Gedächtnisleistung und den schwerwiegenden Folgen seiner Rückenmarksverletzung zu kämpfen. Bald möchte er aber wieder ins Synchronbusiness zurückkehren, dort irgendwann auch Synchronregie führen. In Wings for Life legt er all seine Hoffnung: „Querschnittslähmung darf einen nicht für den Rest seines Lebens gefangen nehmen. Ich glaube daran, dass die Forschung weiterkommt und etwas zur Heilung findet. Selbst wenn es zehn oder fünfzehn Jahre dauert, mein Leben könnte dann wieder so sein, wie ich es vor meinem Unfall so geliebt habe.“

Spenden Sie an Wings for Life und helfen Sie uns, Querschnittslähmung zu heilen. Jeder Euro fließt zu 100% in die Rückenmarksforschung.