© Stefan Weiß

„Forschung beschäftigt mich immer"


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Vor über 22 Jahren hat sich Armin Curt der Heilung von Querschnittslähmung verschrieben. In unserem Interview spricht der Professor darüber, was er von seinen vielen Patienten gelernt hat. Und wie belastend es für ihn als Arzt ist, sie noch nicht heilen zu können.

Professor Curt, warum haben Sie sich auf Rückenmarksverletzung spezialisiert?
Eigentlich war es Zufall. Ich habe mich wenig für Querschnittslähmung interessiert, bis ich vom Züricher Querschnittszentrum gehört habe. Damals habe ich gedacht, dass es für mich als Neurologen bestimmt von Vorteil wäre, dort ein Jahr lang Erfahrungen zu sammeln. Die Arbeit hat mich aber sofort gepackt – mittlerweile bin ich seit 22 Jahren dort tätig.

Sind Sie noch so passioniert wie zu Ihrer Anfangszeit?
Ich würde sagen: sogar noch mehr. In der Universitätsklinik Balgrist haben wir 40 Betten für Querschnittsgelähmte – viele meiner Patienten kenne ich seit 20 Jahren. Ich habe vieles gelernt und Erfolge miterlebt. Man kann komplett Querschnittsgelähmte mittlerweile gut rehabilitieren. Sie werden selbständig, können für sich sorgen und leben so lange wie Fußgänger. Aber der Umstand, dass man Querschnittslähmung noch nicht heilen kann, ist zutiefst störend und meine tägliche Motivation, hier weiterzumachen.

 (Stefan Weiß)
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Wie unterscheiden sich Ihre Forschungsprojekte von anderen?
Mir ist es wichtig, den Schwerpunkt auf die klinische, translationale Forschung zu legen. Ergebnisse aus der Grundlagenforschung werden dabei in präklinische Entwicklungsprogramme übertragen. Der Kontakt zu Patienten ist mir sehr wichtig. Ich verlange auch von meinen Studenten, dass sie regelmäßig mit Patienten zusammen arbeiten, um sich ein wirkliches Bild zu machen. Sie sollen wissen, woran und wofür sie forschen, und verstehen, was es bedeutet, betroffen zu sein.

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Welche Fortschritte hat die Rückenmarksforschung allgemein gemacht?
Damals hieß es: Ans Rückenmark geht man nicht. Das ist zu gefährlich, die Folgen nicht vorhersehbar. Bei einer Studie haben wir Stammzellen ins Rückenmark eingebracht und wissen heute: Man kann ans Rückenmark gehen auch bei Querschnittslähmung. Man kann etwas tun. Bei der Vorbereitung von Studien sind wir ebenfalls viele Schritte weiter. Wir verstehen typische Verläufe besser, können nach einem Unfall sehr früh prognostizieren, was mit einem Patienten passieren wird. Dazu wissen wir, was es braucht, um Therapien aus der Forschung anzunehmen. Das europäische Netzwerk EMSCI ist mittlerweile sehr gut, alles ist vorbereitet. Wir warten nur darauf, dass sich die „magic intervention“ einstellt und wir loslegen können.

 (Stefan Weiß)
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Was bedeutet Wings for Life für Sie?
Forschung ist teuer, kompliziert und braucht lange Wege. Es ist enorm wichtig, dabei einen Player zu haben, damit alles zügiger geht. Das bedeutet nicht, dass der Ablauf weniger streng ist, es kann aber schneller reagiert und punktuell gefördert werden. Die Möglichkeit, flexibel und adäquat zu reagieren, ist bei Wings for Life viel größer als anderswo. Darin steckt auch die Hoffnung.

Schalten Sie eigentlich auch mal ab?
Menschen in der Grundlagenforschung und Kliniker haben keine 8-bis-17-Uhr-Jobs. Häufig sind meine Tage lang, Arbeitswochen haben im Schnitt 60 Stunden – vor allem weil es viel Spannendes zu bearbeiten gibt. Meine Frau ist diesbezüglich sehr großzügig. Wir versuchen regelmäßig mit unseren zwei Jungen Outdoorsport zu betreiben. Wir gehen gerne wandern und Ski fahren, obwohl man gerade auf der Piste von Berufs wegen immer Angst haben müsste, dass etwas passieren könnte … Aber ich kann dann schon abschalten und den Moment genießen.

Was ist für Sie Glück?
Für mich persönlich ist Glück, gesund zu sein, eine gute Partnerschaft und Familie zu haben. Glück wird aber ganz unterschiedlich interpretiert. Querschnittszentren sind, entgegen verbreiteter Auffassung, keine Depressionsstationen. Laut einer großen Studie ist das Depressionsrisiko bei Querschnittsgelähmten nicht größer als bei der Allgemeinbevölkerung. Verblüffend, oder? Natürlich sind manche traurig oder wütend, dass sie beeinträchtigt sind. Nach einer gewissen Zeit können aber viele ihr Schicksal annehmen. Die Stimmung von Querschnittspatienten und Interaktion mit ihnen ist nicht negativ, sie hören gut zu, sind mental fit. Eine interessante und besondere Gruppe, die mich tief beeindruckt.

Armin Curt, 1959 in Köln geboren, ist ärztlicher Direktor des Zentrums für Paraplegie an der Uni Zürich und der Uniklinik Balgrist. Langjähriges Mitglied im Beratergremium von Wings for Life und seit diesem Jahr auch klinischer Direktor.