© Alfred Zeppetzauer.

Folgenschwere Auszeit


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„Ich war auf einem Selbstfindungstrip, wie viele Jungs in diesem Alter. Aber alles endete abrupter und ganz anders als erwartet...“ Leonhard Maier versucht, sein Leben und die Geschichte seines Unfalles noch einmal zu erzählen. „Manches weiß ich noch genau, an einiges muss man mich noch heute erinnern“, so der 38-jährige.

Damals ist Leo leidenschaftlicher Kletterer, Biker und Snowboarder. Nach seiner Ausbildung in der HTL für Elektrotechnik und ein paar Jahren in der EDV-Branche, will er sich eine halbjährige Auszeit nehmen. „Ich war 24 und wusste, dass ich meinen Traumjob noch nicht gefunden habe. Ich war auf der Suche. Danach, wohin sich mein Leben entwickeln sollte und was ich mir eigentlich davon erwarte.“
Der Lungauer kündigt seinen Job, um für ein paar Monate nach Neuseeland zu gehen. Allein. Um sich selbst besser kennen zu lernen und um Antworten zu finden. „Ich habe die erste Zeit dort sehr genossen, bin herumgereist und habe neue Leute kennen gelernt.“
Nach zwei Monaten, am 10. August bricht der Abenteurer mit seinem Snowboard nach Whakapapa Mt. Ruapehu auf. „Die Bedingungen auf der Piste waren super. Trotzdem bin ich gestürzt“, erinnert er sich zurück.  Leo hat starke Schmerzen, kann aber noch selbst zur Bergrettung an der Talstation fahren. Später wird festgestellt, dass ein Halswirbel verschoben und die Wirbelfortsätze gebrochen sind. „Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch alles bewegen und spüren, aber die Ärzte im Krankenhaus sagten mir, die Verletzung der Halswirbelsäule sei so dramatisch, dass sie operativ stabilisiert werden muss.“
Bei der OP zwei Tage später, treten Komplikationen auf. Was auf dem CT nicht ersichtlich war: auch die Bandscheibe ist verletzt. Während der OP schieben sich Teile davon ins Rückenmark und verletzen es. Sechs Stunden später wird eine zweite Not-OP durchgeführt. Die Diagnose danach: Inkompletter Querschnitt auf C5-C6.

Rückschläge und Fortschritte
„Kurz danach hatte ich noch nicht wirklich begriffen, was passiert ist. Ich habe gleich nach der OP eine Lungenentzündung dazubekommen und war mit über vierzig Grad Fieber wie im Delirium. Ich konnte absolut nichts bewegen.“ Leonhards Lunge muss regelmäßig abgesaugt werden, eine sehr „unangenehme Angelegenheit“, wie er es lapidar beschreibt. „Als ich da lag, hatte ich viel Zeit um nachzudenken. Will ich so weiterleben? Nie wieder Snowboard fahren, klettern oder surfen? Ich habe langsam begriffen, dass mein Leben von nun an nicht mehr so wie früher sein wird.“
Das Krankenhaus verständigt Leos Familie. Ein guter Freund fliegt sofort zu ihm, um ihm beizustehen. Nach drei Wochen wird er ins Krankenhaus nach Innsbruck überstellt. „Der Flug mit der Air Ambulanz dauerte 48 Stunden. Ich wurde auf einer Vakuummatratze transportiert, dabei aber nie umgelagert. Ich hatte danach eine so schlimme Druckstelle, dass ich deshalb zweimal operiert werden musste." Leo liegt monatelang im Bett, bis sich seine Haut endlich erholt. In der Reha im österreichischen Bad Häring geht es erstmals nach den vielen Rückschlägen bergauf: „Dort wurde mir das erste Mal richtig bewusst, dass ich Hilfe annehmen muss und gemeinsam vieles leichter geht.“
Obwohl niemand mehr damit rechnet, erlangt Leo viele motorische Funktionen zurück, die er mit Hilfe seiner motivierten Therapeuten bald im Alltag umsetzt. Er kann seine Arme eingeschränkt bewegen und Monate später kommen sogar Funktionen in seinen Beinen und Fingern zurück. „Stehen war und ist möglich, ein paar Schritte kann ich auch mit Krücken gehen. Aber ich habe so starke Spasmen, die das sehr schwierig machen.“ Nach etwa neun Monaten, kommt Leo dann endlich nach Hause zu seinen Eltern. „Ich war ihnen sehr dankbar, dass sie sich nach meinem Heimkommen um mich gekümmert haben. Es war ja nicht nur, dass ich nicht mehr richtig gehen konnte... Ich hatte sehr mit den neuen Umständen zu kämpfen, hätte zum Beispiel so gerne einmal wieder Gitarre gespielt, wie vor meinem Unfall. Aber mir fehlte und fehlt dazu bis heute einfach die nötige Feinmotorik in den Fingern.“

Gemeinsame Bewegung
Im selben Jahr, nach Weihnachten wird Leo bewusst, welche Chancen er durch seine Teilbeweglichkeit immer noch hat. Er macht den Führerschein, beginnt zu handbiken, Rollstuhl-Rugby zu spielen und Monoski zu fahren. Die beiden letzteren Sportarten lehrt er mittlerweile sogar.


„Heute lebe ich in meiner eigenen Wohnung und betreue als Personal Coach bei Alive656 Kunden mit einem speziellen Elektrostimulationsprogramm.“ Neben gesunden Fußgängern zählen auch Querschnittspatienten zu Leos Klientel. „Wenn ich etwas wegen meiner Einschränkung nicht vorzeigen kann, muss ich es halt erklären“, gibt er einen Einblick in sein Training. „Ich habe die richtige Aufgabe für mich gefunden. Es bereitet mir viel Freude, Menschen in ein aktiveres, gesünderes Leben zu begleiten - völlig unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Und gemeinsam im Team macht sowieso alles noch mehr Spaß.“

Wings for Life World Run
Diese Einstellung bringt Leo auch beim Wings for Life World Run an den Start. Gerade hat er das Team „ALIVE656“ gegründet und will dieses bis zum 8. Mai noch vergrößern. „Ich werde in Wien starten, aber wir haben auch schon Teilnehmer in Porto und Ljubljana. Wir freuen uns über jeden, der bei uns dabei sein will. Ich finde, dieser globale Lauf ist eine sensationelle Möglichkeit, gemeinsam auf das Thema Querschnittlähmung aufmerksam zu machen.”
Alle Startgelder des Wings for Life World Run gehen zu 100% in die Rückenmarksforschung. Das gibt Leo Hoffnung. „Es ist ja schwer zu sagen, wie lange es braucht, bis eine Heilung gefunden wird. Aber wenn Menschen, die das Selbe erleben müssen wie ich, in Zukunft geholfen werden kann, dann ist es jeden einzelnen Kilometer und jeden Cent wert.“