Familienleben im Rollstuhl


Zur Übersicht

Als Annette Ross 1999 ihre zweite Tochter zur Welt brachte, wusste sie, dass dieses Erlebnis ihr Leben verändern würde. Wie sehr, konnte sie aber nicht ahnen. Nach einer falsch angewandten Anästhesie, bei der Annettes Rückenmark verletzt wurde, war die junge Mutter plötzlich querschnittsgelähmt. Sie hatte Angst davor, von nun an nur noch über ihre Behinderung definiert zu werden. Immerhin war sie Ehefrau, Mutter und Bioethik-Forscherin.
Heute, siebzehn Jahre später, ist ihre Familie gewachsen, ihre fünf Mädchen halten sie auf Trab. Annettes Hoffnung liegt in der Forschung.

Du wirkst sehr positiv. Wie lange hat es gedauert, bis du mit deiner Querschnittslähmung klar gekommen bist?
Es war ein langer Prozess und manchmal frage ich mich, ob ich je ganz damit klar kommen werde. Immer wieder erinnert mich plötzlich etwas daran, dass ich mit einer Behinderung lebe. Als Mensch schafft man es nicht einfach so, mit solch lebensverändernden Umständen umzugehen. Ich hatte Glück, dass ich grundsätzlich sehr positiv bin. Ich war schon immer recht belastbar und ich glaube ganz stark an die Liebe. Das hilft mir dabei, einen weiten Blick auf alles zu behalten.

Du lebst jetzt schon sehr lange mit deiner Querschnittslähmung – ist es leichter für dich geworden?
Ich würde diese Frage gerne mit "ja" beantworten. In Wahrheit gibt es einiges, das mit der Zeit leichter geworden ist. Viele von uns Rückenmarksverletzten lernen mit der Umwelt umzugehen; Mobilität wird weniger zur Herausforderung. Anderes in meinem Leben ist immer noch schwieriger als vorher. Jetzt wo ich älter werde, bin ich wieder mit neuen Dingen konfrontiert. Ich leide immer mehr an einer beeinträchtigten Knochendichte. 

Welchen Ratschlag hast du für jemanden, der eine Rückenmarksverletzung erlitten hat?
Nicht verzweifeln, aber das klingt einfacher als es ist. Immer wenn man glaubt, man hat seine neue Welt gut erkundet, kommen neue Herausforderungen daher. Aber so ist das Leben, egal ob man im Rollstuhl sitzt oder nicht.
Manchmal reagieren Menschen anders, wenn man eine Behinderung hat. Es ist dadurch schwer, in keine Außenseiterrolle gedrängt zu werden. Meine Selbstwürde hat sich trotz allem nie verändert: ich bin eine ganze Person, die das Recht hat ihre Träume voll zu leben – egal welche es sind.  

Du bist stolze Mama von fünf Töchtern – wie ist das Leben in eurem Haushalt?
Es ist ganz schön chaotisch. Georgia ist jetzt zwei und Natalie mit 17 unsere Älteste. Langweilige Momente gibt es nicht, es geht von Windelwechseln im Park über Dates für den Abschlussball, bis zu Hausarbeit und Fußballtraining. Unser Leben macht keine Pause, aber wir genießen den Lärm und die lebhafte Atmosphäre. Ich weiß nicht, was wir in einem stillen Haus machen würden... Wobei es für eine Nacht schon ganz nett wäre.

Wie unterstützen dich deine Töchter und dein Ehemann?
Die Welt kann ein forscher Ort sein. Aber Bill und die Mädchen erinnern mich immer daran, dass alles Sinn macht. Bill hat mir nie das Gefühl gegeben, eine andere Frau zu sein als die, die er geheiratet hat. Die Mädchen helfen mir nicht nur und erleben einen wichtigen Aspekt des Lebens mit – sie wissen, dass einen Liebe und Aufopferung zweifelsohne retten kann. 

Glaubst du, Mutter zu sein hat dir geholfen mit deiner Querschnittslähmung umzugehen?     
Es gibt vieles am Muttersein, was durch meine Beeinträchtigung schwerer geworden ist. Manches hat mich sogar richtig verfolgt. Aber ich habe versucht, mich nicht ausschließlich auf meinen Kummer oder Schmerz zu konzentrieren, sondern auf unserer Kinder. Durch ihre Bedürfnisse bin ich aus mir heraus gegangen. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass das was ich zu bieten habe, nichts mit meinen Beinen zu tun hat.

Geben dir Forschungsprojekte und Klinische Studien Hoffnung?
Ja. Forschung, die sich mit einer Heilung beschäftigt, gibt mir Hoffnung. Es sagt mir, dass es Wirklichkeit werden kann. Es gibt bereits Geräte, die uns ambulant helfen. Aber sie ersetzen nicht, dass wir unsere Gliedmaßen wieder so nutzen können, wie es eigentlich sein sollte. Forschung muss Patienten Sicherheit gewährleisten, das braucht Zeit, was natürlich frustrierend sein kann. 
Kürzlich habe ich mit einem Arzt gesprochen, der mir erklärt hat, wie große Schritte in der Forschung bereits gemacht wurden. Danach habe zu meinem Mann gesagt: „Bill, es passiert wirklich...“ Die Vorstellung, wie wir spazieren gehen, ist ständig in meinem Kopf. Ich bin jeden Tag denen dankbar, die unermüdlich daran arbeiten, dass dieser Traum wahr wird.

Was bedeutet es dir, dass auf der ganzen Welt so viele Leute am 8. Mai beim Wings for Life World Run teilnehmen?
Ich sehe Wings for Life als Partner. Die Stiftung setzt sich für uns alle ein und bringt Querschnittslähmung in die Herzen und Köpfe von so vielen Menschen... Es ist nicht nur sehr berührend, dass die ganze Welt läuft, sondern auch enorm wichtig. Es zeigt einen Zusammenhalt für eine gemeinsame Sache und schafft das Verständnis, dass eine Heilung das Leben von Millionen Menschen verbessern würde. Es ist schwer zu erklären, was es bedeuten kann, wieder gehen zu können. Es gibt dafür keine Worte. Von einem Traum zu sprechen, wäre nicht annähernd genug. Wir brauchen jeden einzelnen. Je mehr Menschen zusammenkommen, desto näher kommen wir dieser Vision.

Annette und Millionen andere Betroffene können von jedem überall unterstützt werden. Registrieren Sie sich für eine Location, machen Sie mit beim Selfie Run mit der Wings for Life World Run App oder starten Sie eine Spendenaktion

100% jedes Startgeldes und jeder Spende gehen direkt in die Rückenmarksforschung, um eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden.