„Es hat mich verändert“


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„Mein damaliger Freund und ich hatten eine schreckliche Beziehung“, beginnt Tina Pesendorfer die Geschichte ihres Unfalles zu erzählen. „An dem Tag hatten wir Streit. Er war unberechenbar, ich hatte Angst vor ihm und bekam Panik“, sortiert sie den Ablauf vom 1. Juni 2007.
Dann trifft sie eine Entscheidung, die ihr Leben verändert. „Ich stand am Fenster seiner Wohnung und dachte, der Sprung auf ein darunter verbautes Plexiglasdach ist der schnellste Weg ihm zu entkommen. Ich war gerade 18 geworden und habe aus einem Impuls gehandelt. Dass etwas schief gehen könnte, habe ich komplett ausgeblendet.“
Tina springt. Das Dach, auf dem sie landet, gibt ihr keinen Halt. Sie fällt, stürzt auf einen Tisch und bleibt schwerstverletzt liegen. „Ich weiß davon gar nichts mehr.“ Aus Erzählungen erfährt die Schülerin später, dass eine Putzfrau das Unglück mitbekam und sofort die Rettung rief. Tina wird ins Krankenhaus eingeliefert, operiert und in den künstlichen Tiefschlaf versetzt. Beim Aufprall hat sie schwere Knochen- und Rippenbrüche, sowie Schnittverletzungen erlitten. Als ihren Eltern damals im Krankenhaus die Röntgenaufnahmen ihrer Tochter erklärt werden, bemerkt ihr Vater fassungslos: „Ihr Rückenmark ist verletzt. Unser Kind wird nie mehr gehen können ...“
Tina kämpft auf der Intensivstation um ihr Leben und kommt nach zwei Wochen langsam zu sich. „Ich konnte nichts sagen, weil ich durch einen Schlauch beatmet wurde. Mein Körper war übersäht mit Schläuchen und Maschinen zeichneten meine Funktionen auf.“

608/06
Die Zeit auf der Intensivstation ist für Tina verwirrend. Den Gedanken einer Querschnittslähmung lässt die Schülerin nicht zu. Ihre Familie ist jeden Tag bei ihr. „Als sie weg waren, habe ich immer den Rauchmelder auf der Decke angestarrt. Dort war ein Code aufgedruckt: 608/06. Egal ob man ihn von vorne oder hinten las – er war der Selbe ... Ich war nicht bereit, über etwas anderes als diese Belanglosigkeit nachzudenken.“ Nach und nach wird die Oberösterreicherin von Geräten befreit. Nach vier Wochen im Salzburger Unfallkrankenhaus kommt Tina bereits nach Bad Häring auf Reha. Dort erkundigt sie sich das erste Mal genau über das Ausmaß ihrer Verletzung. „Die Ärztin dort sagte mir, dass ich ab dem 9. Brustwirbel komplett gelähmt bin und dass das so bleiben wird.“ Ein Schock für die junge Frau. „Meine Mama hat mich jeden Tag besucht und viele meiner Freunde. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich mit anderen Patienten anzufreunden und mich der neuen Situation zu stellen.“

„Alle haben gestarrt“
Dann kam der erste Ausflug. „Auf Reha ist man geschützt. Alles ist auf einen eingestellt, barrierefrei und man wird ganz normal behandelt“, erinnert sie sich. „Nach ein paar Wochen sind wir mit einem Therapeuten in ein nahegelegenes Einkaufszentrum gefahren. Das erste Mal unter Leuten und jeder hat mich und meinen Rollstuhl angestarrt. Mir wurde klar, dass sich etwas drastisch für mich verändert hat.“
Nach zwei Monaten darf Tina nach Hause. „Meine Mama ist Ärztin und wusste mich zu versorgen. Die neue Situation bestimmt dennoch sehr hart für sie. Gerade am Anfang brauchte ich ja ständig jemanden um mich.“ Auch die Wohnung, in der Tina aufgewachsen ist, fühlte sich plötzlich anders an. „Sie wurde für mich umgebaut. Trotzdem war mit dem Rollstuhl alles so viel enger als früher. Mein Zimmer war plötzlich so klein ...“
Tina und ihre Familie lernen langsam mit den neuen Umständen umzugehen. „Nach den Ferien habe ich Matura gemacht.“ Ihre Schulkollegen reagieren positiv. „Es war nie ein Thema, wer mich über die Stiegen trägt oder mir hilft. Ich hatte ein hilfsbereites Umfeld und immer noch viele Freunde.“ Trotzdem durchlebt Tina eine schwere Zeit. „Ich hatte und habe keinen Kontakt zu meinem Exfreund. Aber es wurde wahnsinnig viel über mich geredet und spekuliert, was am Unfalltag genau passiert ist. Das war sehr schlimm für mich.“ Nach ihrem Schulabschluss zieht sie nach Wien, studiert dort Publizistik. „Ich habe die Anonymität dort genossen. Im Studentenheim lernte ich wieder mehr Selbständigkeit.“ Nach zwei Jahren zieht sie zurück in ihre Heimatstadt und bekommt ihre erste eigene Wohnung. „Alles dort ist perfekt auf mich abgestimmt.“

Neues Selbstbewusstsein
Vor drei Jahren fängt Tina an, Rollstuhltennis zu spielen. „Damit habe ich endlich mehr Selbstbewusstsein bekommen. Jahrelang habe ich mich immer von jemanden schieben lassen, weil ich mich so sicherer fühlte.“ Durch das Tennis weiß sie, dass sie Herausforderungen auch alleine schafft. „Ich will am Platz noch viel besser werden. Mein Ziel sind die Paralympics.“
Derzeit studiert die 27-Jährige Lehramt an der Uni Salzburg. „Ich hatte schon gute Praktika in Schulen.“ Bevor sie eine neue Klasse betritt, überkommen sie aber oft Bedenken. „Die Zweifel, wie Schüler auf mich und meinen Rollstuhl reagieren, verfliegen glücklicherweise recht schnell. Autorität hat nichts damit zu tun, ob man steht oder sitzt.“ Tina ist unternehmungslustig und reist viel.


„Ich komme gut mit meinem jetzigen Leben klar. Aber ich habe den Kopf immer voll mit tausend Gedanken“, erklärt sie. „Ich kann nicht mehr spontan sein wie früher. Ich muss überall abklären, ob es Stufen oder andere Hürden für mich gibt. Ist eine barrierefreie Toilette in der Nähe? Wird sie groß genug sein? Habe ich genug eingepackt, um meine Blase im Griff zu haben? Ständig alles zu koordinieren, ist wahnsinnig mühsam“, gibt sie zu. „Gerade am Anfang einer neuen Beziehung ist es nicht leicht, gleich alles mit jemanden zu teilen. Du musst alles ausbreiten, was bei dir anders ist, als bei anderen Frauen. Das hat mich viel Überwindung gekostet.“

Forschung als Hoffnung
„Ich hoffe, dass es bald etwas gibt, dass meine Situation verbessert“, wird Tina ernst. „Manchmal“, fährt sie fort „habe ich Angst, dass ich gar nicht mehr weiß, wie man richtig auf den Füßen auftritt. Was, wenn ich es komplett verlernt habe, zu gehen? Es ist schon so lange her, dass ich meine Beine benutzt habe ...“

Um auf ihre Verletzung aufmerksam zu machen und Geld für die Forschung zu sammeln, nimmt Tina auch dieses Mal wieder am Wings for Life World Run am 7. Mai 2017 teil. In den letzten drei Jahren ist ihr Team enorm gewachsen. „Team Tina war heuer in Wien schon eine topmotivierte 35-Personen Mannschaft. Ganz vorne dabei, meine Mama“, lächelt sie.


„Wir alle wünschen uns, dass man Querschnittslähmung heilen kann. Könnte ich meine Beine endlich wieder bewegen, würde ich kein einziges Mal mehr den Lift oder die Rolltreppe nehmen. Egal in welcher Situation: Ich würde jede einzelne Stufe zu Fuß gehen.“

Unterstützen Sie die Rückenmarksforschung, um Menschen wie Tina weiter Hoffnung zu geben. Jeder gespendete Euro geht zu 100% in ein Projekt zur Heilung von Querschnittlähmung.