Ein Schlag für das Immunsystem


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Wird das Immunsystem nach einer Rückenmarksverletzung ebenfalls „gelähmt“? Ja, sagen Wissenschaftler und präsentieren neue Daten, die auch für die Klinik relevant sind. 

Nach einer Rückenmarksverletzung sind Menschen stärker infektionsgefährdet als davor. Oft erleiden sie eine Lungenentzündung – die häufigste Todesursache nach einem Querschnitt. Lange ging man davon aus, dass die erhöhte Infektionsanfälligkeit durch motorische Einschränkungen, wie z.B. die eingeschränkte Funktion der Atemmuskulatur, verursacht wird. Ohne Zweifel spielen diese Faktoren eine Rolle. Zunehmend wird aber deutlich, dass eine „Lähmung“ des Immunsystems, das sogenannte SCI- IDS (Immundefizienz-Syndrom bei Querschnittslähmung), weitgehend dafür mitverantwortlich ist.

Eine Rückenmarksverletzung lähmt das Immunsystem
Organe, die zum Abwehrsystem beitragen und/oder es regulieren, werden auch vom Nervensystem gesteuert. So wie die Beinbewegung vom zentralen Nervensystem kontrolliert wird und durch eine Rückenmarksverletzung betroffen ist, gilt das auch für das Immunsystem.
Brommer et al. veröffentlichten dazu nun experimentelle Daten in der Januarausgabe der Fachzeitschrift Brain. Die Gruppe zeigt, dass die Unterbrechung der zentralen Nervenfasern bei einer hohen thorakale Rückenmarksverletzung auch wichtige Immunorgane betrifft. Der Verlust der zentralen Innervation führt anatomisch zu einem Gewebsschwund der Milz und funktionell zu einer Fehlfunktion der Immunorgane. Das verringert die Abwehrfunktion des Körpers gegenüber Infektionen. Diese experimentellen Befunde untermauern bisherige Beobachtungen. Durch eine verminderte Abwehrfunktion wird demnach die Infektanfälligkeit bei Querschnittspatienten erhöht.

Die Folgen
Bis zu einigen Jahre nach der Verletzung kann es zu einer funktionellen Erholung kommen. Bei Patienten, die während der akuten Verletzungsphase Infektionen erlitten haben, ist das Erholungspotential geringer. Eine bedrohliche Lungenentzündung kann dazu führen, dass ein Patient weniger Funktionen zurückgewinnt, und das beeinträchtigt folglich die Lebensqualität.

Schlussfolgerungen aus den Daten
Man muss die Mechanismen der komplexen Wechselwirkung von Rückenmarksverletzung und Immunsystem noch besser verstehen und Angriffspunkte für eine ursächliche Therapie bei gestörter Abwehrfunktion finden. Es gilt aber auch die bisherigen Erkenntnisse in der Klinik umzusetzen und bei gefährdeten Patienten Infektionen frühzeitig zu entdecken und zu behandeln.


Quelle: Brommer B, Engel O, Kopp MA, Watzlawick R, Müller S, Prüss H, Chen Y, DeVivo MJ, Finkenstaedt FW, Dirnagl U, Liebscher T, Meisel A, Schwab JM. Spinal cord injury-induced immune deficiency syndrome enhances infection susceptibility dependent on lesion level. Brain. 2016 Jan 10.