© Wolfgang Lienbacher

„Ein Punkt auf meiner Bucket List ist noch offen“


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Wir treffen Marc Herremans in Salzburg. Er kommt gerade aus einem Wings for Life World Run-Meeting, bei dem er als Sportlicher Direktor für Rollstuhlfahrer eine wichtige Rolle spielt. Schon in zwei Stunden wird er wieder im Flieger in seine Heimat Belgien sitzen. Ein straffer Terminplan. „Ich habe heute nicht einmal Zeit für mein tägliches Training und werde mir deshalb für unser Gespräch meine Orthesen anziehen“, erklärt er und legt sie sich routiniert an. Dann steht der 44-Jährige mit einiger Anstrengung auf. Er ist viel größer, als man im Sitzen vermutet hätte.

 (Wolfgang Lienbacher )
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„Ich bin froh, wenn ich meinen Kreislauf so aktivieren kann. Am Anfang war das eine riesige Herausforderung. Querschnittsgelähmt zu sein hat Auswirkungen auf den gesamten Körper. Aber darüber erzähle ich gerne später mehr.“

Marc, beginnen wir früher. Wie warst du als Kind und Jugendlicher?
Meine Eltern haben mir und meinen zwei Geschwistern in Belgien eine schöne Kindheit ermöglicht. Ich war aber kein sehr guter Schüler und habe von meinen Lehrern oft eine Ohrfeige gekriegt. Das war schlimm und hat sich falsch angefühlt. Manche Menschen lernen eben gerne und manche nicht; jeder hat seine eigene Begabung. Meine war schon sehr früh Sport. Mit sechzehn habe ich den Film „Rocky“ gesehen und war fasziniert davon, wie hart Rocky trainiert und an seinem Traum arbeitet, Boxer zu werden. Ich bin daraufhin stundenlang in meinem Zimmer Seil gesprungen, habe Gewichte gestemmt und Sit-ups gemacht. Bis heute habe ich aber keinen Wettkampf ausgetragen. Ich mochte das Training, könnte aber nie jemandem Gewalt antun.

Wie ging es beruflich weiter?
Nach meiner Ausbildung kam ich mit achtzehn zum Militär. Das war viel besser als Schule. Endlich musste ich nicht mehr ständig still sitzen, sondern durfte mich bewegen. Ich habe mich den Para-Commandos angeschlossen und war beim National Army Running Team. Mit zwanzig habe ich begonnen, als Bauarbeiter und Feuerwehrmann zu arbeiten. Ich habe immer sehr viel trainiert; bald wusste ich auch, wofür.

Für deine folgenden Triathlons?
Genau. Ich habe in einem Magazin Fotos vom Ironman in Hawaii gesehen. Schwimmen durch den tiefblauen Ozean, bei sengender Hitze durch Lavafelder radeln und dann noch einen Marathon laufen. Das erschien mir gigantisch! Nicht gegen andere kämpfen, sondern gegen sich selbst, die Hitze, die Distanz und die Naturgewalten. Davon war ich fasziniert und habe pro Woche zwanzig Stunden trainiert, war stundenlang Rad fahren und laufen. Bald nahm ich an den Belgischen Meisterschaften teil und wurde Zwölfter.

Stolz und etwas wehmütig zeigt uns der ehemalige Triathlet Fotos aus der Vergangenheit.  (Wolfgang Lienbacher )
Stolz und etwas wehmütig zeigt uns der ehemalige Triathlet Fotos aus der Vergangenheit.   © Wolfgang Lienbacher

Wie hast du das neben deinen Jobs geschafft?
(Lacht) Immer schlechter. Meine Eltern ermöglichten mir, mich komplett auf meine Karriere als Profi-Triathlet zu konzentrieren. Ich wurde zweimal Belgischer Meister, erarbeitete mir immer bessere Plätze bei der Weltmeisterschaft. Ich habe physisch, mental und finanziell alles in diesen Sport gesteckt – und für mich war klar, dass ich 2002 der beste Triathlet der Welt sein musste.

Dazu kam es aber nicht.
Im Jänner 2002 nahm ich an einem Trainingscamp auf Lanzarote teil, um für den Ironman in Australien zu trainieren. Alles lief perfekt, und ich wollte mir zwei Tage trainingsfrei nehmen. Meine Kumpels überredeten mich aber, mit ihnen klettern und Rad fahren zu gehen. Bei der Abfahrt mit dem Bike habe ich dann eine Kurve nicht gekriegt, ich bin gestürzt und mit dem Rücken auf einen Stein geprallt . . .

Erinnerst du dich daran noch?
Menschen sagen oft, wenn man stirbt, sieht man sein Leben noch einmal an sich vorbeiziehen. Auch ich hatte das Gefühl, dass ich stundenlang Bilder aus meiner Vergangenheit sehe. In Wirklichkeit waren es nur ein paar Sekunden. Dann bin ich aufgewacht und konnte nur noch meinen Kopf und meine Arme bewegen. Ich sagte zu meinen Kollegen: „Irgendetwas ist passiert – ich spüre meinen Körper nicht mehr.“ So wurde ich dann ins hiesige Krankenhaus gebracht.

Was geschah dort?
Man hat ein MRI gemacht und gesehen, dass meine Wirbelsäule zersplittert worden ist. Meine Nerven waren hier zerstört. Und die Diagnose lautete: kompletter Querschnitt auf Höhe des 5. Brustwirbels. Die Ärzte waren überfordert und ließen mich nach Las Palmas fliegen. Im Krankenhaus dort bekam ich die gleiche Diagnose und musste weiter nach Belgien.

Weißt du noch, was dir dabei durch den Kopf ging?
Ja, ich dachte, von einer Querschnittsverletzung hört man immer wieder, aber ich bin der angehende Weltmeister im Triathlon. Mir kann so etwas nicht passieren. Ihr liegt alle falsch, und ich werde wieder gesund. Als ich die Diagnose in meiner Heimat ein drittes Mal hörte, bekam ich dann aber Panik, dass all die Ärzte vielleicht doch recht haben. In einer neunstündigen OP wurden meine Wirbel zusammengeschraubt.

Wie war die Zeit danach?
Für meine Familie war es sehr schlimm. Sie wussten, wie viel Zeit ich in meinen Sport investiert hatte, und litten sehr mit mir. Ich war plötzlich wie ein kleines Kind, brauchte ununterbrochen Hilfe. Nach der OP habe ich mich dauernd gefragt, was ist, wenn das so bleibt...

Was hat dich aus dieser Gedankenspiralebefreit?
Der fünfjährige Sohn meiner Schwester. Er sprang auf mein Krankenbett, umarmte mich und sagte: „Onkel Marc! Ich bin so glücklich, dass du noch da bist.“ In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich riesiges Glück hatte, weil ich noch lebe! Mir wurde eine zweite Chance gegeben.

Die du nutzen wolltest...
Genau. Niemand kann die Vergangenheit verändern, die Gegenwart und die Zukunft liegen aber in unserer Hand. Ich musste an meine Bucket List denken. Darauf standen Lebensziele, die ich unbedingt schaffen wollte. Erstens: den Ironman Hawaii gewinnen. Zweitens: die Crocodile Trophy, das schwierigste Mountainbike- Rennen der Welt, bestreiten. Und drittens: Daddy werden. Eine Woche nach der OP habe ich mit meinem Arzt darüber gesprochen. Er sagte: „Marc, vergiss es. Du bist so schwer verletzt und hast noch zu viele Probleme – finde neue Ziele!“

Hat dich das von deinem Plan abgebracht?
Nein, ich war entschlossen! Der Unfall hat meinen Rücken gebrochen, aber nicht meinen Willen. Meine Familie hat mich zu hundert Prozent unterstützt, und schon im Krankenhaus habe ich mit dem Training begonnen. Nach drei Monaten durfte ich nach Hause, und nach weiteren drei Monaten bin ich wieder geschwommen, mit dem Handbike und dem Sportrollstuhl gefahren.

Das klingt nach Bilderbuch-Rehabilitation.
Ich war sehr motiviert, aber wir brauchen nichts schönreden – die meisten meiner verlorenen Funktionen kamen nicht zurück. Plötzlich musste ich damit klarkommen, dass meine Blase und mein Darm nicht mehr funktionieren. Mein Körper konnte Wärme und Kälte nicht mehr regulieren. Ich bekam erst eine Lungen-, dann eine Blasenentzündung; ich hatte auch große Probleme mit offenen Hautstellen. Auf längere Zeit würden sich meine Muskeln verkürzen, dann waren da noch diese unsagbaren Schmerzen. Die Liste ist endlos und der Rollstuhl bei einem Querschnitt noch das geringste Übel. Von all dem musste ich mich ablenken, deshalb habe ich zunächst auch auf meine Bucket List fokussiert.

Mit Erfolg?
Ja, nach meinem Unfall habe ich am Ironman Hawaii teilgenommen. Es gab nur eine Kategorie für Beeinträchtigte. Ich musste gegen Sportler antreten, die ihre Unterschenkel verloren hatten, die Oberschenkel aber noch bewegen konnten. Kämpfen mit unterschiedlichen Waffen also. Für alle und auch für mich war es ein Wunder, dass ich vier Jahre nach meinem Unfall trotzdem gewonnen habe. Mein nächstes Ziel war die Crocodile Trophy in Australien. Niemand hat bei diesem Radrennen durch das Outback Australiens zuvor in einem Rollstuhl teilgenommen. Ich bin ans Äußerste gegangen, hatte danach aber monatelang gesundheitliche Probleme. Nachdem ich mich erholt hatte, hängte ich meine sportliche Karriere an den Nagel.

Warum?
Der dritte Punkt auf der Liste war, Papa zu werden. Und für diese Rolle wollte ich gesund sein. Ich habe dem Sport aber nicht ganz den Rücken gekehrt, sondern angefangen, andere Sportler körperlich und mental zu coachen.

Ist es für dich nicht schwierig, gesunde Leute zu motivieren?
Nein. Meine Verletzung ist ja nicht ihre Schuld, und sie haben ihre eigenen Träume, bei denen ich sie gern unterstütze. Ich vermittle ihnen, dass alles im Leben zwischen den Ohren passiert. Man muss an sich selbst glauben. Mir geht es heute nicht mehr darum, Medaillen zu sammeln, um sie mir an die Wand zu hängen, sondern darum, anderen zu helfen. Die ersten Jahre nach meinem Unfall habe ich deshalb weltweit als Motivationssprecher gearbeitet und dabei mehr als eine Million Euro eingenommen.

Das ist viel Geld...
... das ich dringend gebraucht habe, um meine Stiftung „To Walk Again“ zu gründen und voranzutreiben. Unser Fokus liegt auf der Rehabilitation – wir motivieren querschnittsverletzte Menschen, fit zu bleiben. Vor einigen Wochen konnten wir unser erstes großes Zentrum mit acht Angestellten in Belgien eröffnen. Jeder ist dort willkommen, und das Training mit Elektrostimulation oder Exoskeletten so gut wie kostenlos. Mittlerweile unterstützen uns auch Sponsoren und die Regierung.

Wie geht es dir heute – 15 Jahre nach deinem Unfall?
Mich plagen immer noch starke Schmerzen. Manchmal ist es, als würde man mir ein Messer in den Körper rammen. Wenn ich meine Augen verdrehe, weiß meine Freundin schon, dass ich wieder sehr viel zu kämpfen habe. Der Druck im Unterrücken ist manchmal unerträglich. Vor allem in der Nacht ist das mühsam, weil ich mich nicht einfach umdrehen kann. Ich muss erst das eine Bein auf die Seite legen, dann das andere. Danach liege ich mit Schmerzen wach. Ich muss Tag und Nacht mit dieser Behinderung leben und umgehen.

Was ist mit dem dritten Punkt auf deiner Bucket List?
(Lächelt) Drei Jahre nach meinem Unfall habe ich meine Freundin Griet kennengelernt. Sie hat mich genommen, wie ich bin. Nach einiger Zeit haben wir beschlossen, Eltern zu werden. Mit künstlicher Hilfe haben wir vor fünf Jahren unsere erste Tochter Anne-Lou bekommen, vor zwei Jahren kam Sue zur Welt.

Marc Herremans verfolgt den Wings for Life World Run gemeinsam mit seinem Kollegen Colin Jackson.
Marc Herremans verfolgt den Wings for Life World Run gemeinsam mit seinem Kollegen Colin Jackson.  

Hast du das Gefühl, in dieser Rolle eingeschränkt zu sein?
Nicht in der Erziehung. Meine Freundin ist Psychotherapeutin und arbeitet oft bis spät. Ich bin also viel bei unseren Mädchen, kümmere mich um sie und versorge sie. Das funktioniert auch prima, und sie geben mir sehr viel zurück. Mittlerweile ist mein Rollstuhl ganz normal für sie. Sie springen auf meinen Schoß und lieben es, bei mir zu sitzen und mit mir auf der Couch zu spielen. Das macht mich sehr glücklich und darauf will ich mich konzentrieren. Eine Heilung liegt nicht in meiner Hand, da zähle ich auf die Rückenmarksforschung. Mit unserer Hilfe wird es eine Heilung geben, davon bin ich überzeugt. Wichtig ist dann, dass unsere Körper fit dafür sind.

Familienglück: Marc mit seiner Freundin Griet und der gemeinsamen Tochter.
Familienglück: Marc mit seiner Freundin Griet und der gemeinsamen Tochter.  

Motiviert dich das auch, für den Wings for Life World Run aktiv zu sein?
Natürlich. Forschung benötigt Geld und dank dem Wings for Life World Run helfen viele. Als Sportlicher Direktor für alle Rollstuhlfahrer bin ich Ansprechpartner und Insider. Es ist uns sehr wichtig, dass am 6. Mai wieder viele Menschen für ein gemeinsames Ziel laufen. Heuer ist es noch einfacher, mit der App teilzunehmen; ganz gleich, wo auf der Welt man gerade ist. Ich habe auf meinem Weg immer wieder gehört, dass ich ein Träumer bin und dass es keine Wunder gibt. Aber das stimmt nicht. Ich weiß, dass es Hoffnung auf eine Heilung gibt. Darum habe ich meine Bucket List auch um einen Punkt erweitert, den ich schaffen möchte: Ich möchte wieder gehen.

Am 6. Mai laufen wir weltweit für die, die es nicht mehr können. 100% der Einnahmen gehen an die Rückenmarksforschung. Alle Infos: www.wingsforlifeworldrun.com