Die 200-Tage-Challenge


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Juni 2016: Steven Dowd ist ein ganz normaler Angestellter in London. Täglich pendelt er von seinem Haus in Woolwich zum Büro seines Arbeitgebers, eines großen Finanzdienstleisters.

Gerade hat er sich für Ride London, eine 160-Kilometer-Radtour, angemeldet. Zum Training radelt er dafür jeden Tag sechzehn Kilometer von zu Hause in die Arbeit. Auf dem Weg holt er meist einen Kollegen ab. „Wir sind es ganz locker angegangen, ich bin kein risikofreudiger Typ. An diesem Morgen im Juni machte ich mich auf den Weg in die Arbeit und kam vier Monate lang nicht nach Hause.“ Nur wenige Meter von der Haustüre seines Kollegen entfernt, übersieht Steven eine Verkehrsschranke. „Ich war eigentlich recht langsam unterwegs“, erinnert sich der 38-Jährige. „Als ich das Hindernis dann aber sah, war es schon zu spät. Ich überschlug mich und landete auf dem Kopf. Außer auf meiner Wange, mit der ich am Boden aufgeschlagen bin, hatte ich keine Schmerzen. Ich habe versucht mich zu bewegen, konnte es aber nicht. Da habe ich realisiert, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ 

Eine Hölle aus Schmerzen
Stevens dritter und vierter Halswirbel sind verletzt, dehnen und quetschen sein Rückenmark. Er ist sofort inkomplett gelähmt. Dazu kann er nicht atmen, weil ihn der Riemen seines Helms den Hals abschnürt. „Ich habe gedacht, dass ich die Situation Sekunde für Sekunde meistern muss“, erinnert sich Steven. „Schaff es durch diese Sekunde. Okay, das hat geklappt. Jetzt schaff die zweite Sekunde. So habe ich es gemacht, bis der Krankenwagen aufgetaucht ist.“

Im St George’s Hospital wird der Verunfallte für ein experimentelles Verfahren in der Akutbehandlung unter der Leitung des Neurochirurgen Professor Marios Papadopoulos ausgewählt. Für die Ärzte zählt jede Sekunde. Sie wollen die Sekundärschäden* minimieren. Neben der Stabilisation der Wirbel wird Steven ein Katheter ins Rückenmark gelegt, um den Druck zu überwachen und darauf reagieren zu können. Die Herzfrequenz wird gesenkt und der Blutdruck erhöht. So soll die Ausbreitung der Schwellung verhindert werden.


Nur wenige Prozent können darüber entscheiden, wie stark ein Patient beeinträchtigt bleibt. Unter normalen Umständen sind fürchterliche Schmerzen kein gutes Zeichen. Als Steven aber am zweiten Tag nach seinem Unfall zu sich kommt, bedeutet das, dass er wieder etwas spürt, die Operation und die Kreislaufregulation also erfolgreich waren. „Mein ganzer Körper brannte wie Feuer“, so Steven. „Meine Frau Helen war da. Ich öffnete ein Auge und sagte ihr, dass ich in 200 Tagen – also am 22. Dezember 2016 – wieder der Alte sein würde. Dann versank ich in einer Hölle aus Schmerzen. Dieses Versprechen an Helen war aber meine Motivation. Ich hatte ein Ziel.“

Kleine, winzige Bewegungen 
„Von Sekunde zu Sekunde. Das wurde zu meinem Mantra“, erzählt er. Bald wird daraus von Stunde zu Stunde und von Tag zu Tag. „Mein Ziel war es, mich immer besser zu fühlen als am Tag zuvor.“ Steven feiert die kleinsten Fortschritte. „Beispielsweise als ich es das erste Mal schaffte, Finger zum Zucken zu bringen.“ Seine Fortschritte begeistern auch Stevens behandelnde Ärzte. Sie stellen ihm jeden Tag neue Herausforderungen. Erst das Drehen seines Kopfes und irgendwann die ersten eigenen Schritte.


Durch viel Disziplin bleibt Steven seinem Versprechen treu. Am Weihnachtstag trägt er den Truthahn an den Familientisch. Dass seine Genesung außergewöhnlich ist, weiß Steven. Und auch, was es bedeutet, wenn sich das Leben innerhalb eines Sekundenbruchteils verändert. Manche Patienten können nie wieder arbeiten, Beziehungen zerbrechen. Mit einer Heilung kann man das alles verhindern.“

Die 200-Tage-Challenge
Im Krankenhaus lernt Steven Menschen mit ähnlichen Rückenmarksverletzungen kennen. Sie inspirieren ihn zu seiner 200-Tage-Challenge. Ende letzten Jahres setzt er sich das Ziel, Spenden zu sammeln und als Abschluss nach 200 Tagen hundert Meilen auf einem Ergometer zurückzulegen – und zwar am Tag des Ride London. Zusätzlich will er die Challenge in weniger als sechs Stunden schaffen. Ein ambitioniertes Ziel. Auf seiner Suche nach einem Charity-Partner stößt Steven auf Wings for Life. Dass wir die Studie finanzieren, die zu seiner Genesung beigetragen hat, weiß er dabei nicht.
Am 30. Juli 2017 darf der Sportler dann das Londoner Hauptquartier von Red Bull für den Abschluss seiner Fundraising-Aktion nutzen. Eine Gruppe von Unterstützern radelt gemeinsam mit ihm. „Die Atmosphäre war unglaublich. Bei Kilometer 154 wurde mir klar, dass ich ein paar Minuten hinter der Zeit lag. Ich habe meinen Kopf gesenkt und mir die Seele aus dem Leib geradelt. Als alle gejubelt haben, habe ich gemerkt, dass ich im Ziel war. Ich schaute auf und war 20 Sekunden unter der Zielzeit. Es war das perfekte Happy End.“

Wertvolle Unterstützung 
Über eine Spendenplattform brachte Stevens Aktion 30.000 Pfund (rund 33.700 Euro) auf das Konto von Wings for Life. Jetzt will der Sportler auch andere dazu ermutigen, Geld für die Rückenmarksforschung zu sammeln. „Man sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen, weil es wirklich jeden treffen kann“, betont er. „Jeder kann in der Dusche ausrutschen oder über einen Bordstein stolpern. Die Folgen sind verheerend. Mein Fortschritt ist außergewöhnlich und absolut großartig für mich und die Studie. Leider bekommen die meisten Menschen aber keine solche Chance. Ich will helfen, weil Wings for Life keine Häuser baut oder Rollstühle zur Verfügung stellt. Diese Stiftung sorgt dafür, dass man das alles in der Zukunft gar nicht mehr braucht.“

Haben auch Sie Lust etwas Kreatives, Verrücktes oder Abenteuerliches zu machen um Spenden für die Rückenmarksforschung zu sammeln? Dann sind Sie hier genau richtig. 


*Sekundärschäden: Nach einer Rückenmarksverletzung kommt es zu einem massiven Abbau von Nerven- und Stützzellen in der Umgebung der Verletzungsstelle, wodurch Funktionen verloren gehen.