© Stefan Voitl

Der wichtigste Tag im Jahr


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Berge von Aktenordnern, rauchende Köpfe und unzählige Tassen Kaffee. Ende März berieten der Vorstand und die wissenschaftliche Leitung von Wings for Life im Rahmen einer eintägigen Sitzung darüber, welche Forschungsprojekte in der kommenden Periode gefördert werden. Wir haben bei den Entscheidungsträgern nachgefragt:

Was macht den heutigen Tag so spannend?
Anita Gerhardter, CEO von Wings for Life:
Für uns ist der heutige Tag mit Abstand der wichtigste im ganzen Jahr. Gemeinsam mit unseren wissenschaftlichen Direktoren hat der Vorstand die Endauswahl getroffen, in Hinblick darauf welche und wie viele Forschungsprojekte mit den gesammelten Spendengeldern gefördert werden.
Dem vorausgegangen ist ein mehrmonatiger Prozess der Vorbereitung. Alle Projektanträge, die bei uns eingehen, werden ausnahmslos einem strengen Auswahlverfahren unterworfen. In einem ersten Schritt werden die Anträge von unabhängigen Gutachtern aus der ganzen Welt bewertet. Die Bewertung zieht dann unser siebenköpfiges Beratungsgremium – ich nenne sie gern die Rockstars der Rückenmarksforschung – als Grundlage heran, um die vielversprechendsten Projekte herauszufiltern.

Nach welchen Kriterien wählt Wings for Life Projekte aus?
Prof. Dr. Ludwig Aigner, Neurobiologe, wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life:
Wir versuchen mit unseren finanziellen Mitteln stets ein breites Spektrum abzudecken, das heißt einen guten Mix hinsichtlich der verschiedenen Forschungsansätze. Am wichtigsten ist natürlich, dass die Projekte zu hundert Prozent auf unseren Stiftungszweck abzielen, der Heilung von Querschnittslähmung. Wissenschaftliche Exzellenz, Aussicht auf Erfolg und die Anwendbarkeit am Patienten sind ebenfalls wichtige Kriterien.

Wie viele Projekte fördert Wings for Life im Jahr 2013?
Prof. Dr. Dr. Jan Schwab, Neurologe, wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life:
Ich freue mich sagen zu dürfen, dass sich Wings for Life mittlerweile als essentieller Motor der Rückenmarksforschung etabliert hat. Die Zahl der Projekte steigt jährlich. 2013/2014 werden wir insgesamt 27 Projekte fördern, davon sind 18 neu hinzugekommen. Diese Zahl korreliert natürlich mit den wachsenden Spendensummen, die uns zur Verfügung stehen. An dieser Stelle möchte ich den zahlreichen Spendern meinen Dank aussprechen.

Wie viele der Projekte richten sich an frisch verletzte Patienten beziehungsweise an chronisch Betroffene?
Prof. Dr. Ludwig Aigner, Neurobiologe, wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life:
Die Förderung jener Projekte, die sich eher an frisch verletzte Patienten richten, überwiegt grundsätzlich mit einem Verhältnis von drei zu eins. Aber man kann diese Gewichtung nicht so pauschal formulieren: Denn Projekte für primär akut Verletzte bringen immer auch wichtige Erkenntnisse für die Forschung an chronischen Patienten mit sich.

Fördert Wings for Life 2013 auch klinische Studien?
Prof. Dr. Ludwig Aigner, Neurobiologe, wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life:
Bei den klinischen Studien – man muss erwähnen, dass diese oftmals über einen langen Zeitraum verlaufen – kommen 2013 zwei neue hinzu. Die erste basiert auf einem sehr innovativen Ansatz: Sie versucht die Frage zu beantworten, warum manche Patienten bessere Regenerationseffekte erzielen als andere. Man vermutet, dass die Genetik hier eine wichtige Rolle spielt und versucht mit der besagten Studie, ein dafür verantwortliches Gen zu identifizieren. Die zweite neue klinische Studie ist im Bereich der Neuro-Urologie angesiedelt. Zusätzlich zur Bewegungseinschränkung haben Querschnittsgelähmte unter anderem mit urologischen Problemen zu kämpfen. Diese Studie soll langfristig helfen, diesbezüglich eine verbesserte Lebensqualität bei Querschnittsgelähmten zu erzielen.

Warum gibt es so viele Projekte in der Grundlagenforschung?
Prof. Dr. Dr. Jan Schwab, Neurologe, wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life:
Die Rückenmarksforschung ist nach wie vor eine sehr junge Disziplin. Es gilt daher immer noch sehr viele Basisfragen zu beantworten, auch im Sinne der Nachhaltigkeit und Sicherheit. Zudem steigt die Komplexität eines Projektes und damit auch dessen Durchführbarkeit überproportional, sobald es in die klinische Phase übergeht, in der direkt am Patienten geforscht wird.

Was ist Ihr persönliches Resümee?
Anita Gerhardter, CEO von Wings for Life:
Wir blicken sehr optimistisch in die kommende Förderperiode, denn wir durften heute einige hochkarätige und Erfolg versprechende Forschungsprojekte auswählen. Unserem Ziel kommen wir damit wieder ein gutes Stück näher.
Sehr erfreulich ist auch, dass sich auf dem Feld der Rückenmarksforschung immer mehr tut. Das zeigt schon die Tatsache, dass wir heuer fast doppelt so viele Anträge auf Förderung (142) erhalten haben als in den Jahren zuvor.
Dennoch darf man nicht die Augen davor verschließen, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt und es noch viel zu tun gibt. Die Rückenmarksforschung ist auf private Initiativen und Spender angewiesen. Geld ist und bleibt der limitierende Faktor beim Fördern von weltweiter Spitzenforschung.