© Marv Watson

Der Sherlock Holmes der Wissenschaft


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Michael Sofroniew ist ein Meister der Beobachtung. Der 65-jährige Neurowissenschaftler stellt die richtigen Fragen und geht den Dingen auf den Grund. Das führte ihn zu einer Entdeckung, die unsere bisherigen Erkenntnisse in der Neuroregeneration regelrecht auf den Kopf stellte. 

Professor Sofroniew, wo sind Sie zu Hause?
Ich lebe derzeit in Los Angeles. Ich wurde in den Vereinigten Staaten geboren, mein Vater stammt aber aus Bulgarien, meine Mutter aus Deutschland. Mit diesen Wurzeln habe ich bereits in vielen verschiedenen Ländern wie Italien, Großbritannien oder auch Japan gelebt. Meine Frau und ich haben keinen ausgeprägten Sinn für Nationalität. Wir sind glücklich, wo immer wir gerade sind.

Wie sieht für Sie ein typischer Arbeitstag aus?
Normalerweise wache ich gegen halb sieben Uhr auf und mache mir erst einmal Kaffee. Dann setze ich mich an den Schreibtisch und durchforste das Internet nach neuen Forschungsergebnissen. Ich erarbeite neue Ideen, schreibe auch Artikel oder Forschungsanträge. Gegen Mittag treffe ich dann meine Mitarbeiter im Labor. Ich will alles über ihre neuesten Erkenntnisse wissen und die Ergebnisse mit ihnen besprechen. Das dauert meistens bis in die Abendstunden. Zu Hause, nach dem Abendessen, setze ich mich häufig wieder an den Schreibtisch. Oft vergesse ich dabei die Zeit und merke dann plötzlich, dass es schon vier Uhr morgens ist.

Was motiviert Sie, dauernd neue Fragen zu stellen und Ideen zu entwickeln?
Ich weiß es nicht. Meine Mutter erzählt aber oft, dass ich mit meiner Fragerei der nervigste Vierjährige aller Zeiten war. Auch meine Frau kann ein Lied davon singen. Sie sagt immer wieder zu mir: „Bitte, keine Fragen mehr!“ Ich weiß auch nicht, warum ich so viel herausfinden möchte. Mein Gehirn kann einfach keine Pause machen.

Nicht einmal in Ihrer spärlichen Freizeit?
(Lacht.) Nein, wenn ich nicht arbeite, beschäftige ich mich meist mit Rätseln und lese sehr viel. Am liebsten Detektivgeschichten – je komplexer, desto besser.

Haben Detektive und Wissenschaftler etwas gemeinsam?
Ich denke schon. Beide suchen nach Hinweisen und stellen alles infrage. Sie geben niemals auf, bis sie endlich die Wahrheit enthüllen können. Genau wie ein Detektiv stelle ich als Forscher kritische Fragen.

Diese Herangehensweise hat Sie ja auch zu bahnbrechenden Entdeckungen geführt. So wie im letzten Jahr im Fall der glialen Narbe.
Ja, genau. Die gliale Narbe bildet sich nach einer Rückenmarksverletzung. Man dachte jahrelang, dass sie schädlich sei, wenn es darum geht, Nerven zu regenerieren. Das stimmt aber gar nicht. Im Gegenteil: Es käme zu noch schlimmeren Ergebnissen, würden wir die Narbenbildung blockieren.

Inwiefern?
Nun, in unseren Studien haben wir herausgefunden, dass einige Zellen, die an der Bildung der Narbe beteiligt sind, sogar von Vorteil sind. Sie stellen keine Barriere für die Entwicklung von Therapieansätzen dar, sondern vielmehr eine Brücke. Diese Erkenntnis öffnet die Tür zu einem Forschungsgebiet, die vorher aufgrund eines falschen Dogmas verschlossen war.

Glauben Sie an die eine Wunderwaffe im Kampf gegen die Querschnittslähmung?
Unser Forschungsfeld ist dem der Krebsforschung sehr ähnlich. Wir machen kleine Schritte, und sie brauchen Zeit. Es ist nicht wie bei der Entdeckung von Penicillin, das auf einen Schlag Infektionen heilen konnte. Dafür sind Rückenmarksverletzungen viel zu komplex, zu viele Zellen und Moleküle interagieren dabei. Dieses Netzwerk ist unglaublich kompliziert, jede Verletzung verläuft anders. Ich glaube deshalb, dass unser Fortschritt stetig und schrittweise erfolgen wird.

Michael Sofroniew mit seinem Kollegen Joshua Burda
Michael Sofroniew mit seinem Kollegen Joshua Burda  

Wie wichtig ist denn Wings for Life in diesem Kontext?
Private Stiftungen im Allgemeinen – und Wings for Life im Besonderen – sind absolut entscheidend für den Fortschritt in unserem Bereich, weil es eben nicht genug Geld von staatlicher Seite gibt. Auch wichtig zu erwähnen ist, dass private Initiativen manchmal auch etwas umstrittenere Ansätze unterstützen können. Mein Projekt zur glialen Narbe ist ein gutes Beispiel dafür. Und wie Sie sehen, kann die Belohnung, ein solches Wagnis einzugehen, für die Wissenschaft phänomenal sein.

STECKBRIEF
Name: Prof. Michael V. Sofroniew
Institut: Department of Neurobiology, David Geffen School of Medicine, University of California, Los Angeles, USA
Fachgebiete: Neurowissenschaften, Molekularbiologie, Zellbiologie
Position bei Wings for Life: Mitglied des wissenschaftlichen Beratergremiums
Anzahl der Publikationen: 226
Bisherige Stationen: Ludwig-Maximilians-Universität, University of Oxford, University of Cambridge University of California

 (David Robinson )
© David Robinson

DIE GLIALE NARBE
Nach einem Trauma des Rückenmarks wird die Verletzungsstelle schnell von einer starken zellulären und chemischen Barriere – der sogenannten glialen Narbe – eingeschlossen. Diese Narbe hat eine positive Wirkung, weil sie Entzündungen an der Verletzungsstelle verringert und die Ausbreitung von Gewebeschäden verhindert. Lange meinte die Wissenschaft, dass die Narbe auch eine negative Wirkung habe und eine Regeneration von Nervenfasern verhindere. In einer Reihe von Experimenten konnten Professor Sofroniew und sein Team das Gegenteil nachweisen. Zunächst stellten sie fest, dass sie trotz der Narbe Axone zum Nachwachsen anregen konnten. In der Hoffnung auf ein noch besseres Ergebnis blockierten sie im nächsten Schritt die Bildung der Narbe. Zu ihrer großen Überraschung war aber das Gegenteil der Fall: Das Nervenwachstum war deutlich geringer als im ersten Versuch. Sie wollen nun den zugrunde liegenden Mechanismus noch gründlicher verstehen.

Diese Forschungsarbeit wurde von Wings for Life unterstützt und in der Renommierten Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht („Astrocyte scar formation aids central nervous system axon regeneration“).