© Felix Rioux

Der Pionier


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Professor Samuel David ebnete der modernen Neuroregeneration den Weg. Anfang der 1980er Jahre bewies der gebürtige Inder in einer bahnbrechenden Forschungsarbeit, dass Nervenzellen des Rückenmarks unter geeigneten Bedingungen zur Regeneration fähig sind.

Der Weg der Wissenschaft ist langsam, tastend und mühselig. Diese Worte des berühmten österreichischen Nervenarztes und Denkers Sigmund Freud gelten auch für die Rückenmarksforschung. Schnelle Erfolge sind selten, moistens geht es nur mit kleinen Schritten voran. Ab und zu jedoch schafft ein Forscher den großen Durchbruch. Professor Samuel David von Montreals McGill University gehört zu den wenigen, denen dies gelang. Bis zum Jahr 1981 war man davon überzeugt, dass sich verletzte Nerven im Rückenmark nicht erholen können. David sollte das Gegenteil beweisen.

Ein paar Jahre zuvor 
Dabei begann sein Werdegang zunächst eher untypisch. Im Alter von achtzehn Jahren machte David eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, arbeitete einige Jahre in verschiedenen Krankenhäusern in Indien und wanderte 1969 schließlich nach Kanada aus. In seiner täglichen Arbeit hatte David sehr viel Kontakt zu querschnittsgelähmten Menschen. Er half ihnen, sich bestmöglich auf ihr neues Leben nach dem Unfall vorzubereiten. Bald hinterfragte er, warum sich das Rückenmark nach einer Verletzung nicht erholen könne. Schließlich wachsen periphere Nerven ja auch nach. David beschloss, dass er mehr über die Biologie der Verletzung wissen muss. Er ging auf die Universität und studierte in der kanadischen Stadt Winnipeg Neurowissenschaften.

Verständnisrevolution 
Nach der Promotion startete David seine Forschungen an der McGill University in Montreal und suchte gemeinsam mit seinem Kollegen Albert Aguayo nach einer Antwort auf seine Frage. In einem Experiment überbrückte er die Verletzungsstelle im Rückenmark mit einem peripheren Nerv aus dem Bein. Dazu verknüpfte er das eine Ende des nun inaktiven Nerventransplantats mit dem Rückenmark oberhalb der Verletzungsstelle, das andere Ende mit dem Rückenmark unterhalb der Verletzungsstelle. Sechs Wochen später konnte er beobachten, dass sich neue Axone über die gesamte Länge des Transplantats gebildet hatten – eine Sensation. Diese Entdeckung war ein historischer Wendepunkt und inspirierte die Wissenschaft, nach weiteren Faktoren zu suchen, die ein Wachstum von Nervenzellen anregen oder verhindern.

Weitere Entdeckungen
Samuel David ruhte sich nicht auf seinen Lorbeeren aus und forschte in diese Richtung weiter. Nur wenige Jahre später entdeckte er gemeinsam mit seinen Kollegen, dass ein Molekül namens MAG (myelin-associated glycoprotein) das Wachstum von Nervenzellen hemmt. Kurz darauf folgte die nächste Beobachtung: David fand heraus, dass bestimmte Immunzellen (Makrophagen) zur Regeneration des erwachsenen Nervensystems beitragen können. Auch diese Erkenntnis animierte andere Wissenschaftler, intensiv an Makrophagen und deren Potential zu forschen. Davids bislang letzte Entdeckung wurde vergangenes Jahr in der Fachzeitschrift „Neuron“ veröffentlicht. Hier beschrieb er, dass das Protein TNF und das Element Eisen die Sekundärschädigung nach einer Rückenmarksverletzung verschlimmern können. Aktuell untersucht David, inwiefern Entzündungen und damit verbundene Immunzellen zur Sekundärschädigung nach einer Rückenmarksverletzung und auch zu anderen Erkrankungen wie multipler Sklerose beitragen. Zudem möchte er noch mehr über die Rolle von Eisen bei neurologischen Erkrankungen wissen.

Gutachter und Lehrmeister 
Für seine Forschungsarbeiten hat David zahlreiche Auszeichnungen bekommen. Zudem ist er ein viel gefragter Gutachter für Fachpublikationen wie „Cell“, „Neuron“ oder „Nature“. Sein enormes Wissen gibt er an die nächste Generation weiter, damit auch diese eines Tages die regenerative Medizin wieder einen großen Schritt weiterbringt.

 (Felix Rioux)
© Felix Rioux

STECKBRIEF
Name: Prof. Dr. rer. nat. Samuel David
Institut: Institut für Neurologie und Neurochirurgie an der McGill University in Montreal, Kanada
Position bei Wings for Life: Mitglied des wissenschaftlichen Beratergremiums
Anzahl der Publikationen: 106
Bedeutende Publikationen
1981: Unter geeigneten Bedingungen können sich Nervenzellen des zentralen Nervensystems regenerieren („Science“)
1990: Makrophagen setzen bestimmte Faktoren frei, durch die das erwachsene Nervensystem sich regeneriert. („Neuron“)
1997: Das von Astrozyten produzierte Ceruloplasmin regelt den Eisengehalt des zentralen Nervensystems und verhindert eine Schädigung durch freie Radikale. („Journal of Biological Chemistry“)
2007: Der NogoRezeptor spielt eine Rolle in der Beseitigung von Makrophagen. („Neuron“)
2014: Das Zytokin TNF und Eisen können die Sekundärschädigung nach einer Rückenmarksverletzung verschlimmern. („Neuron“)