© Mathias Lixl

Das machen wir mit Ihren Spendengeldern


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Jedes Jahr fördern wir Forschungsprojekte rund um den Globus, um eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden. Damit ihre Spendengelder wirkungsvoll eingesetzt werden und am Ende auch wirklich etwas für den Patienten bringen, haben wir ein aufwendiges Auswahlverfahren entwickelt. Unsere wissenschaftliche Koordinatorin Dr. Rosi Lederer gibt uns Einblicke, wie das ganze funktioniert, in welchen Ländern in der Regel geforscht wird und warum ihre Unterstützung so wertvoll für die Rückenmarksforschung ist.

Wie kann man sich die Projektauswahl bei Wings for Life vorstellen?
Das ist ein mehrstufiger Prozess. Wissenschaftler, die von Wings for Life gefördert werden möchten, schicken uns zunächst schriftlich einen Antrag mit einer Zusammenfassung ihres Forschungsprojektes. Im Fachjargon nennen wir das „Executive Summary“. In dieser Kurzfassung ist eine Hypothese, also eine Idee beschrieben. Der Forscher erklärt, was er machen will. Untermauert wird das mit vorläufigen Daten und Literatur. Aus diesen Executive Summaries treffen wir eine erste Vorauswahl: Welche Ideen sind neu? Welche Projekte entsprechen dem Fokus unserer Stiftung, welche nicht?

Kommen diese Anträge aus der ganzen Welt?
Die meisten Anträge erhalten wir aus den USA, Kanada oder Europa. Das liegt daran, dass hier die meisten Forschungsinstitute zu Hause sind und der Großteil der Forscher – unabhängig ihrer Nationalität – dort arbeitet. Vereinzelt bekommen wir aber auch Anfragen von Instituten aus Südamerika, Asien oder Australien.

Wie viele Anträge bekommen Sie jährlich?
In den vergangenen Jahren hat die Zahl stetig zugenommen. Mittlerweile erhalten wir zirka 250 Executive Summaries pro Jahr.

250 neue Projekte wollen also pro Jahr gefördert werden. Das erscheint viel...
Rückenmarksforschung ist ein sehr komplexes Gebiet. Es gibt zum Beispiel die akute Verletzungssituation, die sekundäre Schädigung oder das Problem, dass sich Axone nicht regenerieren. Weitere Fragen betreffen die gliale Narbe oder das Thema Stammzellen. Es gibt viele Aspekte und ungeklärte Fragestellungen. Wenn man sich das vor Augen führt, kommt einen die Zahl der Anträge nicht mehr so hoch vor.

Zurück zum Auswahlprozess: Was passiert als nächstes?
Wir sortieren die übriggebliebenen Anträge thematisch, beispielsweise in  Stammzellanträge oder Projekte, die mit Elektrostimulation zu tun haben. Jetzt können wir sehen, ob die Fragestellung des Forschers neu ist oder ob diese Idee vielleicht schon öfters untersucht wurde. Zusätzlich prüfen wir, ob das Projekt später klinisch relevant sein könnte, d.h. eine Aussicht auf eine Anwendung am Patienten besteht. Das ist uns wichtig.

Zunächst wird also ausgesiebt?
Genau, wir entscheiden uns für jene Forschungsprojekte, von denen wir annehmen, dass sie die Rückenmarksforschung wieder einen Schritt weiter bringen. In der Regel bleiben von den 250 Executive Summaries zirka 70 bis 80 übrig. Bis Anfang Oktober teilen wir das Ergebnis den Forschern mit und laden sie ein, Vollanträge zu stellen. 

Was ist ein Vollantrag?
Ein Vollantrag ist ein zehnseitiges Dokument plus Anhänge, in dem das Vorhaben der Forschungsgruppe detailliert beschrieben wird. Hier werden auch vorläufige Daten angeführt und sämtliche bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Auch die Methode, wie die zugrundeliegende Fragestellung untersucht wird. Zudem muss aus dem Vollantrag ersichtlich sein, dass das Labor genügend Expertise hat und der Zeitrahmen für das Projekt von zwei bis drei Jahren realistisch ist. Diese Vollanträge müssen bis zur ersten Novemberwoche bei uns in der Stiftung eingegangen sein.

Was passiert mit den Vollanträgen?
Meine Kollegin Doktor Verena May, unser wissenschaftlicher Direktor Jan Schwab und ich lesen diese Anträge und suchen dafür externe Gutachter. Für jeden Antrag benötigen wir mindestens zwei unabhängige Experten zur Beurteilung. Diese treffen Aussagen über die Durchführbarkeit, wissenschaftliche Güte und die Wichtigkeit des Projektes für das jeweilige Forschungsfeld. Durch die Bewertung können wir ein erstes Ranking der Projektanträge erstellen. Dann folgt der nächste Schritt: Eine Zusammenfassung der Gutachten und Projekte geht dann zur Bewertung  an unser wissenschaftliches Beratergremium.

Was macht das wissenschaftliche Beratergremium mit den Anträgen?
Sie beziehen alle verfügbaren Gutachten mit ein und bewerten die Projekte noch einmal. Bis Ende Februar bekommen wir ihre Rückmeldungen. Zu guter Letzt gibt es eine Entscheidungssitzung innerhalb der Stiftung. Hier entscheiden Vorstand und wissenschaftliche Leitung auf der Basis aller vorliegenden Expertenmeinungen,  welche Forschungsprojekte von Wings for Life gefördert werden.

 (Mathias Lixl)
© Mathias Lixl

Wie viele Forschungsprojekte werden jährlich neu gefördert?
Das ist unterschiedlich und hängt zum einen von der Qualität der Forschungsprojekte und zum anderen von den finanziellen Mitteln ab, die uns zur Verfügung stehen. Je mehr Spenden Wings for Life bekommt, desto mehr Projekte können wir finanziell unterstützen. In der Regel fördern wir jährlich zwischen 15 und 20 neue Projekte. Hinzu kommen jene, die wir im zweiten oder dritten Jahr fördern.

Was kostet so ein Projekt?
Auch das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Welche Mittel hat der Projektleiter beantragt? In welchem Stadium befindet sich sein Projekt? Grundlagenforschung, also die Arbeit im Labor ist grundsätzlich günstiger und wird mit maximal 100.000 Euro pro Jahr gefördert. Eine klinische Studie dagegen kostet pro Jahr bis zu mehreren Millionen Euro.

Die Projektauswahl ist getroffen. Wie geht es weiter?
Jetzt geht der Kontakt zu den Wissenschaftlern für uns so richtig los. Nachdem alle Vorbedingungen, wie zum Beispiel amtliche Genehmigungen, erfüllt sind, machen wir mit den Forschern und deren Institutionen einen Vertrag. Dann kann die Arbeit in den Labors und Kliniken starten. In dieser Zeit gehen auch die Projektbeschreibungen der neuen Projekte auf unserer Homepage online und sind für jeden einsichtig. 

Wann erfährt man mehr über die Ergebnisse?  
Nach 1,5 Jahren erhalten wir von den Forschern einen detaillierten Zwischenbericht. Welche Ergebnisse haben sie bisher erzielt? Läuft alles plangemäß? Unsere Gutachter bewerten dann, ob das Projekt auf einem gutem Weg ist und eine weitere Förderung gerechtfertigt ist. Sobald ein Projekt beendet ist, publizieren die Forscher ihre Resultate in Fachmagazinen, um sie der gesamten Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Damit ist gewährleistet, dass niemand eine Strecke des Weges doppelt gehen muss. 

Wie viele Forschungsprojekte hat Wings for Life bereits gefördert?
Bis dato* haben wir 142 Forschungsprojekte und klinische Studien finanziell unterstützt. Aktuell sind es 33 Projekte. Einige fördern wir bereits seit zwei bis drei Jahren. Bei unserer Entscheidungssitzung jetzt haben wir wieder weiteren Projekten unsere Förderung zugesichert. 

*Anfang 2017

Dr. Rosi Lederer ist seit 2010 wissenschaftliche Koordinatorin bei Wings for Life.  (Mathias Lixl)
Dr. Rosi Lederer ist seit 2010 wissenschaftliche Koordinatorin bei Wings for Life.   © Mathias Lixl