BLOG: Wie das Hormon Östrogen heilen hilft


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Ob sich ein Mann oder eine Frau das Rückenmark verletzt, spielt im Heilungsprozess eine wesentliche Rolle. Der Biologe Vieri Failli erklärt, warum das so ist.

Schon bei meiner Geburt stand fest: ich werde früher sterben, als die Hälfte der Säuglinge auf der Entbindungsstation. Weil ich männlich bin, ist meine Lebenserwartung circa drei Jahre geringer als die jedes Mädchens, das am gleichen Tag geboren wurde.
Eine erstaunliche Tatsache, die wir erst seit kurzem anfangen zu verstehen. Lange galt nämlich die Vorstellung, dass Männer einfach fahrlässiger mit ihrem Körper umgehen. Und obwohl Frauen bei schlechten Gewohnheiten wie Rauchen, Trinken und übermäßigem Essen aufholen, bleibt der geschlechtsspezifische Unterschied in der Lebenserwartung bestehen. Offensichtlich scheint sie tiefer in der Biologie verankert zu sein. Bei Schimpansen, Orang-Utans und Gibbons überleben die Weibchen die Männchen der Gruppe, ohne sich in ihrem Lebensstil zu unterscheiden. Eine der entscheidendsten Rolle spielt dabei das weibliche Sexualhormon Östrogen.

Was ist Östrogen?
Östrogen kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Leidenschaft erzeugen“. In erster Linie ist es im Körper als weibliches Sexualhormon für die Geschlechtsorgane und die sekundären Geschlechtsmerkmale verantwortlich. Es kommt im Körper in unterschiedlichen Formen vor und spielt eine lebenswichtige Rolle im Aufbau und in der Regulation der weiblichen Geschlechtsorgane. Darüber hinaus beeinflusst es auch die kognitiven Fähigkeiten des zentralen Nervensystems. Im Laufe des Lebens einer Frau verändert sich der Östrogenspiegel.

Östrogene gibt es auch im männlichen Körper. Wenn auch in bedeutend niedriger Konzentration, ist es wichtig  für die Gesundheit. Östrogen beeinflusst viele molekulare Signalwege und hat eine sehr starke anti-oxidante und antientzündliche Wirkung. Es wirkt als Wachstumsfaktor im Blutgefäßsystem, fördert den Blutfluss und wirkt neuroprotektiv.

Frauen erholen sich besser
Eine große Studie mit mehr als 50.000 Patienten ergab, dass bei schweren Verletzungen die Überlebenswahrscheinlichkeit für Frauen 14 % höher ist als für Männer. Auch bei Verletzung des Nervensystems scheint Östrogen einen gewissen Schutz zu bieten: Zahlreiche experimentelle Studien und auch Analysen von Patientenakten zeigten, dass sich Frauen nach einer Schädel-Hirn Verletzung besser erholen als Männer.

Östrogen und Rückenmarksverletzung
Rückenmarksverletzungen treffen überwiegend Männer und die Zahlen sind im Verglich zu Schädel-Hirn Verletzungen deutlich niedriger, sodass die humanen Daten nicht sehr aussagekräftig sind.
Experimentelle Studien scheinen den vorteilhaften Effekt aber auch bei Rückenmarksverletzung zu belegen. Ohne eine Behandlung und bei gleicher Verletzung zeigen weibliche Tiere im Vergleich zu männlichen eine schnellere und bessere Erholung. Weibliche Tiere scheinen in gewisser Weise über einen therapeutischen wirkenden Faktor zu verfügen.

Östrogen als Medikament
In den letzten zehn Jahren wurde die neuroprotektive und regenerationsfördernde Wirkung des Östrogen immer wieder und bei verschiedenen Krankheitsbildern untersucht. Das Ergebnis: Östrogen verbessert die Erholung nach einem Schädel-Hirn Trauma, Schlaganfall und nach peripheren Nervenverletzungen. Die positive Wirkung war sowohl in der akuten, als auch in einer späteren Verletzungsphase offensichtlich. Auch in Tiermodellen für akute und chronische Rückenmarksverletzung zeigte sich: niedrig dosiertes Östradiol verbessert die Erholung wesentlich.

Wie wirkt Östrogen?
Eine Rückenmarksverletzung ist ein komplexes Geschehen, bei dem in den verschiedenen Phasen viele molekulare Vorgänge ablaufen und mitwirken. Die akute mechanische Verletzung löst den Untergang von Zellen und Gewebe aus und führt damit zu einer Freisetzung von toxischen Molekülen und einer lokalen Entzündungsreaktion. Diese Situation wird durch die Verletzung der Bluthirnschranke noch verschlimmert und hat eine zusätzliche Gewebeschädigung, die sogenannte Sekundärschädigung, zur Folge.

Gerade in dieser hoch aktiven Phase der Verletzung zeigt sich auf faszinierende Weise, dass Östrogen in viele molekulare Abläufe heilsam eingreift. Östrogen kann den oxidativen Stress und toxischen Moleküle hemmen und so die lokale Entzündung mildern. Es kann auch die Bildung von Stoffen fördern, die die Zellen des Rückenmarks vor dem Zelltod schützen und den Zusammenbruch der Bluthirnschranke verhindern. Neben diesen schützenden Wirkungen auf die Zellen, der Neuroprotektion, fördern Östrogene auch die Zellvermehrung, das Zellwachstum und die Bildung von Blutgefäßen. So beeinflussen sie die Erholung von Funktionen positiv. 

Die Dosis macht das Gift
Östrogene überqueren sowohl die Blut-Hirnschranke, als auch die Zellmembran ohne Probleme, sodass auch eine geringe Veränderung in ihrer Konzentration große Auswirkungen im Körper haben können.
Nachdem der protektive Effekt nach einer Verletzung bekannt war, untersuchten auch Wissenschaftler die Wirkung von hohen Dosen. Dabei zeigte sich nicht nur eine sehr gute antioxidative Wirkung, sondern auch eine sehr effektive Behandlung einer Rückenmarksverletzung im Tierversuch. Auf längere Sicht aber führten sie unglücklicherweise zu einem erhöhten Tumorwachstum.
Trotz der positiven Wirkungen müssen Östrogene sorgfältig dosiert gegeben werden, weil sie das Risiko für bestimmte Krebsarten bei Frauen erhöhen und bei Männern sichtbare weibliche Körpermerkmale hervorrufen können.

Die Kunst, das Gleichgewicht zu finden
Kürzlich durchgeführte Studien ergaben nun, dass bereits geringe Dosen von Östrogenen eine positive therapeutische Wirkung haben und so als Kandidaten für die Anwendung in der Klinik in Frage kommen.
Um unerwünschte Nebenwirkungen im Griff zu haben, sucht man nach Wirkstoffen, die die positiven Wirkungen der Östrogene verstärken, ohne diese höher dosieren zu müssen. Außerdem will man die molekularen Wirkungsmechanismen von Östrogenen entschlüsseln, um neue therapeutische Angriffspunkte für eine sicherere Behandlung zu finden.

Was zu tun bleibt...
Östrogene zeigen ein großes Potential für den therapeutischen Einsatz bei Rückenmarksverletzungen. Vor der Durchführung einer klinischen Studie ist aber noch einige Forschungsarbeit nötig. Wissenschaftler suchen sehr aktiv nach neuen synthetischen oder pflanzlichen Stoffen mit östrogenähnlicher Wirkung.

Ihr Vieri Failli

Vieri Failli ist Biologe und langjähriger Insider im Bereich Rückenmarksforschung.
Vieri Failli ist Biologe und langjähriger Insider im Bereich Rückenmarksforschung.