BLOG: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung


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Jedes Medikament kann Nebenwirkungen zeigen, von mild bis schwerwiegend. Der Biologe Vieri Failli erklärt hier die Hintergründe.

Wenngleich Medikamente ohne Zweifel notwendig sind, zeigen sie oft unerwünschte Wirkungen. Das gilt nicht nur bei Rückenmarksverletzungen, sondern auf jedem Gebiet. Medikamente gegen Erkältungskrankheiten machen beispielsweise schläfrig, Abschwellende Mittel können Herzrasen erzeugen und sogar Aspirin kann Magengeschwüre und Blutungen verursachen. Aber wieso kommt es zu Nebenwirkungen?

Der Körper ist ein immens komplexes Gebilde, dessen reibungsloses Funktionieren durch biochemische Vorgänge reguliert wird. Hormone sind weitgehend für die Feinabstimmung der Funktionen verantwortlich. Wenn es, zum Beispiel durch Krankheiten, zu Störungen kommt, werden oft Medikamente eingesetzt um die gestörte Balance wieder in Einklang zu bringen.

Aber so einfach funktioniert es nicht
Leider sind die Dinge komplizierter. Zum einen regulieren chemische Botenstoffe im Körper sehr häufig mehr als einen Vorgang. Das bedeutet, dass ein Medikament zwar einen Prozess wieder ins Gleichgewicht bringen kann, dabei aber einen anderen stört. Die Wirkungsweise von Medikamenten ist außerdem nicht punktgenau und greift auch in die Wirkung von anderen Botenstoffen ein.
Amitriptylin wirkt über Serotonin-Rezeptoren und wird auch bei neuropathischen Schmerzen nach einer Rückenmarksverletzung gegeben. Es wirkt aber auch auf andere Rezeptoren und so zeigt sich seine Wirkung zum Beispiel auf Acetylcholinrezeptoren in verschwommenem Sehen, trockenem Mund und Verstopfung, oder auf Norepinephrinrezeptoren in erniedrigtem Blutdruck und auf Histaminrezeptoren in Schlaflosigkeit und Gewichtsverlust.

Betrifft das Patienten mit Querschnittslähmung?
Querschnittspatienten sind Zeit ihres Lebens gefährdet, sekundären Komplikationen, wie Probleme mit der Lunge, dem Kreislauf oder auch Blase und Darm, zu entwickeln. Auch Begleiterscheinungen wie Spastik, Osteoporose, Schmerzen oder Druckgeschwüre treten bei ihnen häufig auf. Die Folge ist oft die Einnahme eines ganzen Cocktails von Medikamenten. Die Wahrscheinlichkeit von Interaktionen und Nebenwirkungen von Medikamenten ist damit automatisch größer.

Alternative- und Pflanzenheilkunde
Viele Patienten und auch einige Mediziner nehmen fälschlicherweise an, dass Pflanzenheilkunde unschädlich ist, da es für sie keine Beipackzettel mit einer langen Liste von Nebenwirkungen gibt. Tatsache ist jedoch, dass es bei vielen dieser Produkte wie Aloe Vera, Gingko Biloba, Ginseng, Knoblauch oder Grüner Tee Wechselwirkungen mit Herzkreislaufmedikamenten geben kann und sie zu Nebenwirkungen führen können. Da diese Stoffe als natürliche Heilmittel angesehen werden, zieht man eine mögliche Gefährdung nicht in gleichem Ausmaß in Betracht wie bei einem klassischen Medikament. So sagen viele Patienten ihrem Arzt nicht, dass sie Naturheilmittel nehmen, weil sie vielleicht Bedenken haben, er könnte das nicht gutheißen und ihnen raten, sie abzusetzen. Es ist aber wichtig, möglichst alle Informationen offen zu legen, bevor man mit einer medikamentösen Behandlung beginnt.

Nicht jedes Medikament passt zu jedem
Erstaunlich ist, dass die Wirkung von Medikamenten von Person zu Person unterschiedlich sein kann. Das gilt sowohl für die gewünschte Wirkung (Schmerzmittel) als auch für Nebenwirkungen. Ein Patient verspürt so gut wie keine Nebenwirkung, während bei einem anderen schwere Probleme bis zur Unverträglichkeit auftreten. Das ist auf die unterschiedliche genetische Ausstattung jedes Individuums zurückzuführen, die dazu führt, dass Vorgänge im Körper unterschiedlich stark beeinflusst werden. Ein weiterer Grund liegt in der gegenseitigen Beeinflussung von Medikamenten und Stoffen. Vom Patienten eingenommenen Medikamente aber auch Stoffe aus der Nahrung können mit in Wechselwirkung treten, und gewünschte, aber auch unerwünschte Wirkungen verstärken oder hervorrufen. Nimmt man die Variabilität in der Antwort mit der Zahl der Patienten und der jahrelangen Dauer der Einnahme von Medikamenten zusammen, kann die Liste der Nebenwirkungen sehr, sehr lang werden.

Personalisierte Medizin: Der Nutzen von genomischen Daten für die Vorhersage der Wirkung
Wie bereits erwähnt, ist die genetische Variabilität verantwortlich dafür, dass in größeren Bevölkerungsgruppen bei Verabreichung gleicher Medikamente unterschiedliche Nebenwirkungen auftreten. So wollen Wissenschaftler und das Nordamerikanische Gesundheitsministerium (North American National Institutes of Health - NIH) in einer großen internationalen Studie Datenmengen „Big data“ für die Identifizierung von möglichen Nebenwirkungen nutzen noch bevor Medikamente in den klinischen Einsatz kommen. Dieser Ansatz analysiert eine riesige Menge von genomischen und klinischen Daten von über 50.000 Menschen, die über viele Jahre gesammelt wurden, und soll zur Entwicklung von besser verträglichen Medikamenten beitragen.

Probleme können auch ihr Gutes haben
Obwohl Nebenwirkungen gewöhnlich unerwünscht und schädlich sind, können sie auch ihr Gutes haben und führten schon zur Entdeckung neuer Indikationen für Medikamente. Ein Beispiel ist Sildenafil (auch bekannt als Viagra). Anfänglich für die Behandlung der Angina Pectoris (einer Durchblutungsstörung der Herzmuskulatur) entwickelt, zeigte es eine überraschende Wirkung auf die Erektion bei freiwilligen Probanden und führte zu einem kompletten Indikationswechsel.
Eine Gruppe Wissenschaftler machte sich die Information über bekannte Nebenwirkungen von Medikamenten zunutze und versuchte über den Wirkmechanismus auf mögliche neue therapeutische Einsatzgebiete zu schließen. So konnten sie zahlreiche neue Angriffspunkte entdecken. Weitere Studien werden zeigen, ob dieser Weg eine erfolgreiche Strategie in der Entwicklung von Medikamenten darstellt.
Ein anderer Aspekt ist, dass Ärzte manche Nebenwirkungen bewusst in die Therapie miteinbeziehen. Beispielsweise bei der Gabe von bestimmten Antidepressiva bei anorektischen Patienten, da diese zu einer Gewichtszunahme führen.

„Nebenwirkung“  - neue Wirkung bei Rückenmarksverletzung?
Die Situation, dass die Wirkungsweise eines Medikaments zu einem unerwarteten Effekt führt und damit für eine neue Indikation getestet wird, erleben wir auch bei Rückenmarksverletzungen. Medikamente wie Riluzol, ein Antiepileptikum, Ibuprofen (Einsatzgebiet Schmerzen, Fieber und Entzündungen), Imatinib und Taxol (beides Krebsmedikamente) zeigten eine positive Wirkung auf die Erholung nach einer Rückenmarksverletzung.
Sie werden nun getestet und manche sind bereits in der klinischen Testung. Eine kürzlich auch von Wings for Life geförderte Studie ergab, dass Patienten die nach einer Rückenmarksverletzung früh Gabapentoiden als Schmerzmittel erhielten, sich motorisch funktionell  besser erholten. Gabapentoide gehören in die Klasse der Antiepileptika, sie wirken auf neuropathische Schmerzen und werden bis jetzt nur routinemäßig bei rückenmarksverletzten Patienten eingesetzt.

Verringerung des Risikos
Bei persistierenden und beeinträchtigenden Nebenwirkungen hilft oft eine Dosierungsänderung oder ein Wechsel des Präparats. Nebenwirkungen und die in der Folge nötige Nutzen- bzw. Schadenabwägung sollte immer zusammen mit dem Arzt erfolgen, um den Behandlungserfolg nicht zu gefährden.

Ihr Vieri Failli

Vieri Failli ist Biologe und langjähriger Insider im Bereich Rückenmarksforschung.
Vieri Failli ist Biologe und langjähriger Insider im Bereich Rückenmarksforschung.