„Bitte nicht. Bitte keinen Querschnitt“


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Drei Jahre ist es her, dass Patrik Fritzer verunfallte und sich sein Rückenmark verletzte. Für uns erinnert er sich noch einmal an die schwerste Zeit seines Lebens und erzählt von seiner Hoffnung auf Heilung. 

„Direkt nachdem ich gestürzt bin, habe ich gewusst, was passiert ist. Ich dachte mir, bitte nicht. Bitte keinen Querschnitt.“ 
Patrik Fritzer hat uns in seine Wohnung in Kössen, Tirol eingeladen. Durch die großen Fenster fällt Sonne. Patrik bittet uns, die Schiebetüre zur Terrasse zu öffnen, damit kalte Luft herein kann. Seit drei Jahren ist er quasi ständig auf Hilfe angewiesen. „Ich kann so vieles nicht mehr, seit meinem Unfall“, beginnt der 29- Jährige zu erzählen.



2013. Patrik ist gesellig, sportlich, probiert sich gerne aus. Gemeinsam mit seinen Freunden reist der gelernte Schlosser nach Tschechien. „Wir waren über fünfzehn Leute und wollten gemeinsam ein paar Tage Supermoto fahren“, denkt er zurück. Am 6. Juli, nach dem Frühstück, macht sich die Gruppe auf zum Rennplatz. „Wir sind rumgefahren und mit der Zeit bin ich immer sicherer geworden. Dann habe ich mich überschätzt.“ Patrik verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug, wird über den Lenker geschleudert und landet mit dem Kopf in einer Absperrung aus Reifen. „Beim Aufprall hat es geknackst, meine Arme und Beine haben gekribbelt. In diesem Moment wusste ich, was los war.“ Seine Freunde eilen ihm sofort zur Hilfe. „Ich habe geschrien, dass sie mich nicht bewegen oder den Helm entfernen dürfen, weil ich eine Rückenmarksverletzung habe.“ Einer der Jungs versucht den verletzten Patrik zu beruhigen. Vielleicht ist es nur ein Nerv, der eingeklemmt ist. „Ich habe ihn durch den Helm gebeten, meine Arme fest zu drücken. Als er sagte, dass er das schon macht, wurde meine Angst bestätigt.“ 
Mit dem Hubschrauber wird Patrik in eine Spezialklinik nach Pilsen geflogen, erstversorgt und geröntgt. Dann wird er für knapp sechs Wochen in den künstlichen Tiefschlaf versetzt, übersteht in dieser Zeit zwei OPs und eine schwere Lungenentzündung. „Die Aufwachphase dauerte dann über eine Woche. Ich war in einem benebelten Zustand, habe dauernd Traum und Realität vermischt. Glücklicherweise war meine Familie Tag und Nacht bei mir.”

Erschütternde Diagnose
Eine Woche nach dem Unfall wird der Tiroler in das Innsbrucker Krankenhaus überstellt. „Der vierte Halswirbel und das Rückenmark dort waren verletzt. Ich war querschnittsgelähmt. Komplett. Das heißt, ich habe unter dieser Stelle keine Funktionen mehr.“ Patrik erinnert sich an eine schwere Zeit. „Es waren ja nicht nur meine Beine, die ich nicht mehr bewegen konnte. Ich hatte auf einmal kein Gefühl mehr, brauchte Hilfe wegen meiner Blase und meinem Darm.“


Realisieren kann Patrik die neue Situation zu dieser Zeit nur schwer. „Einmal wollte ich mich zudecken und habe es alleine nicht geschafft. Da wurde mir ein Stück weit bewusst, welches Ausmaß das alles haben wird.“
Immer wieder geht er den Unfallhergang durch, überlegt wo er anders hätte handeln können. „Wenn es nur das wenn nicht gäbe“, lächelt er schwach.
Zu Beginn seiner Reha in Bad Häring wehrt er sich weiter gegen seine Beeinträchtigung. „Diese ganzen Hilfsmittel, von denen immer alle geredet haben, wollte ich anfangs nicht.“ Patrik unterhält sich mit anderen Betroffenen, nimmt langsam Dinge an, die sein Leben erleichtern sollen. Mit viel Willenskraft und Übung tauscht er schließlich den schweren elektrischen Rollstuhl gegen einen leichten Sport Rolli ein. Nach sechs Monaten darf er endlich nach Hause. „Das Haus meiner Eltern war ungeeignet, darum haben wir einen Bungalow gleich in der Nähe gemietet. Dort bin ich für ein Jahr mit einer 24-Stunden-Hilfe eingezogen.“ Eine Übergangslösung. „Vor einem Jahr haben meine Eltern dann ihr Haus verkauft und haben diese Wohnung für mich und die darunter für sich selbst gekauft.“ Hier hat er sich gut eingelebt, weiß seine Eltern in unmittelbarer Nähe und hat einen Teil Selbstständigkeit zurück gewonnen. „Seit Jänner habe ich keine Rundumpflege mehr. Mich unterstützt morgens und abends eine Pflegekraft von Selbstbestimmt Leben. Zu Mittag bekomme ich Essen geliefert, zweimal pro Woche habe ich Therapie und versuche viel zu trainieren“, erzählt er von seinem Alltag. Sein Bruder und Freunde kommen oft vorbei, unternehmen viel mit ihm. „Das und auch der enge Kontakt zu meiner Familie hat sich zu früher nicht verändert“, ist er dankbar. Gerade macht er sich Gedanken, wie es beruflich weiter gehen soll. „Vor meinem Unfall habe ich als Lokführer gearbeitet. Das war cool. Ich überlege jetzt, zu studieren. Etwas, wofür man seinen Körper nicht braucht. Vielleicht Psychologie.“ 



„Mir fehlt barfuß gehen“
Am 8. Mai ist Patrik im „Team Kini“ beim Wings for Life World Run in München am Start. „Ich freue mich sehr darauf. An diesem Tag wird auf der ganzen Welt ein Bewusstsein für Querschnittslähmung geschaffen. Das ist ein schönes Gefühl.“
Patrik hofft, dass irgendwann eine Heilung für Rückenmarksverletzungen gefunden wird. „Ich sitze nicht nur herum und warte darauf. Ich versuche, mit meinem neuen Leben klar zu kommen. Aber natürlich habe ich die große Hoffnung, dass ich irgendwann wieder fühlen und gehen kann“, sagt der junge Mann. „Könnte ich das wieder, würde ich sofort barfuß durchs Gras laufen. Und Tanzen gehen“, malt er sich aus. Vor kurzem hat Patrik eine Frau kennen gelernt. „Wir reden viel und ich finde es schön, wenn sie bei mir ist“, lächelt er. „Es sind aber auch hier so kleine Sachen, die ich vermisse. Ich würde ihr zum Beispiel so gerne einfach über ihre Wange streicheln und dabei etwas in den Händen spüren...“

Wings for Life unterstützt Forschungsprojekte und klinische Studien auf der ganzen Welt. Unsere Mission: Querschnittslähmung heilen. Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende. 100% davon gehen direkt in die Rückenmarksforschung.