Bekanntes Medikament – Neue Aufgabe


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Die Entwicklung und Zulassung von neuen Medikamenten ist schwierig und kostspielig. Die Wahrscheinlichkeit zu scheitern ist hoch. Eine häufige Ursache für dieses Scheitern sind unerwartete Nebenwirkungen bei der Testung am Menschen. Bei einem Medikament, das bereits bei Menschen für bestimmte Erkrankungen eingesetzt wurde, ist das Risiko für unerwartete Nebenwirkungen reduziert und geringer.

Neue Anwendung des Wirkmechanismus
Medikamente entfalten ihre Wirkung häufig über einen Angriffspunkt auf zellulärer Ebene. In manchen Fällen sind die Wirkstoffe für die anfänglich vorgesehene Anwendung aber nicht geeignet. Deshalb untersucht man, ob man ihren Wirkmechanismus bei einem anderen Krankheitsbild einsetzen kann.  
In anderen Fällen bekommen bereits erfolgreich angewandte Medikamente durch Repurposing, also durch eine Umnutzung, ein zusätzliches Anwendungsfeld. Das geschieht nun auch beim nicht-steroidalen entzündungshemmenden Ibuprofen.

Repurposing von Ibuprofen
Wie in Studien gezeigt, blockiert Ibuprofen den RhoA Signalweg in der Zelle und damit ein Protein, das eine Schlüsselfunktion in der neuronalen Regeneration spielt.
Präklinische experimentelle Studien haben ergeben, dass Ibuprofen in hoher Dosierung einen positiven Effekt auf die funktionelle Erholung nach einer Rückenmarksverletzung hat. Dieser Effekt wurde in verschiedenen Labors und in unterschiedlichen experimentellen Modellen bestätigt.
Die Dosierung für diesen Einsatz ist deutlich höher ist als in den bisherigen Indikationen.

SCISSOR Studie läuft
Die SCISSOR (Spinal Cord Injury Study on small molecule-derived Rho inhibition), eine klinische Phase I Studie, prüft deshalb eine hohe Dosierung von Ibuprofen bei Rückenmarksverletzung auf Nebenwirkungen.
Es werden 12 Patienten mit akuter, motorisch kompletter Querschnittslähmung eingeschlossen. Im Rahmen der Studie werden die Patienten zwei Gruppen zugeordnet. Gruppe 1 erhält 2400mg Ibuprofen am Tag und das über einen Zeitraum von 4 Wochen. Gruppe 2 über einen Zeitraum von 12 Wochen. Der Beobachtungszeitraum erstreckt sich über 24 Wochen. Zum Vergleich: Eine in der Apotheke erhältliche Ibuprofen Tablette gegen Schmerzen enthält 400mg. SCISSOR ist die erste deutsche pharmakologische Interventionsstudie für Querschnittslähmung und wird von der Charité Universitätsmedizin Berlin und der Else Kröner-Fresenius gefördert.

Wirkung für Querschnittpatienten
Die Studie ist bereits gestartet und hat erste Patienten eingeschlossen. Das Ende der Studie für Ende 2017 erwartet. Wenn sich keine schwerwiegenden Nebenwirkungen zeigen, kann die Behandlung auf eine größere Zahl von Patienten ausgedehnt werden und ermöglicht die Beurteilung des Effekts auf die funktionelle Erholung.
Wissenschaftler erhoffen sich von Ibuprofen bei Querschnittslähmung, dass die Wirkung über die bisher bekannten wie die Schmerzstillung, hinausgeht.