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„Als hätte ich meine Identität verloren“


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„Am liebsten mag er es, wenn man ihn hochhebt“, verrät Johanna Welin, während ihr sechs Monate altes Baby Ilja quengelt. Aufstehen, um das Kind zu beruhigen, kann die 31-Jährige aber nicht. Seit einem Snowboardunfall sitzt sie im Rollstuhl. „Vor meinem Unfall habe ich mich mit Fußball und Snowboarden identifiziert. Nach dem Abi habe ich in einem Skigebiet gejobbt. Das war genau meins“, lächelt die gebürtige Schwedin, als sie über ihre Vergangenheit spricht.

„Sagt Mama nichts davon“
Im Januar 2004 landete sie beim Snowboarden in Göteborg auf dem Rücken, was zu einer Kompression der Wirbelsäule führte. „Ich merkte sofort, dass ich meine Beine nicht spüre.“ Diese Erkenntnis behielt sie aber erst für sich. „Ich wollte nicht, dass meine Mama mitbekam, wie schlimm es wirklich ist.“
Die Folgen waren in den nächsten Tagen nicht mehr zu verbergen. „Ein Röntgen im Krankenhaus ergab, dass mein 12. Brustwirbel nach hinten gerutscht war und das Rückenmark verletzt hatte.“ Zwei Wochen lang musste die damals 19-Jährige ruhig liegen bleiben. „Verstanden, was genau passiert ist, habe ich in der Zeit nicht. Das zu verarbeiten dauerte lange. Sicher ein Jahr“, gibt sie zu. „Dass meine Blase und der Darm nicht mehr funktionierten wie vorher, war ein Riesenthema. Noch weit schlimmer, als nicht mehr gehen zu können.“ Fast ein halbes Jahr war sie auf Reha in Göteborg, lernte mit den neuen Umständen und ihrem Rollstuhl umzugehen.

Zurück in ein anderes Leben
Johanna ist ehrgeizig, wollte zurück in das Skigebiet, in dem sie vor dem Unfall gearbeitet hatte. Nach ihrer Reha-Zeit nahm sie sich eine Wohnung und begann im Skiticketverkauf zu arbeiten: „Irgendwie konnte ich so besser abschließen.“ Zur gleichen Zeit begann sie mit Rollstuhlbasketball. „Ich mochte sofort, dass Leute im Rollstuhl gemeinsam mit Fußgängern spielen. Es machte keinen Unterschied.“ Sie trainierte viel. „Dann wollte ich ins Ausland und mein Deutsch verbessern.“ Johanna zog bald in ein Studentenheim der Uni Innsbruck. Für ihre Basketballtrainings beim USC München pendelte sie mit ihrem Auto zwischen Österreich und Bayern. „Nach eineinhalb Saisons kam ich von der zweiten Mannschaft in die erste.“ Mittlerweile lebt sie in München, spielt und trainiert bei den RBB München Iguanas. Seit 2011 ist sie Teil der deutschen Nationalmannschaft, trainiert zwölf Stunden pro Woche. Seit 2010 studiert sie außerdem Medizin.

Kinderwagen und Rollstuhl 
„Meine Semesterprüfungen hab ich dieses Mal alle verschoben. Anders ging es nicht“, erklärt sie und lächelt Ilja an, der gerade eingeschlafen ist. Den Vater ihres Kindes lernte Johanna beim Basketballspielen kennen. „Er hat keine Verletzung, und wir haben im selben Team gespielt.“ Dass sie trotz ihrer Lähmung schwanger werden kann, wusste Johanna. Trotzdem waren beide zunächst überrascht. „Ich habe mich auf unser erstes gemeinsames Kind gefreut, aber es war auch sehr anstrengend“, erinnert sie sich an ihre Schwangerschaft im Rollstuhl. „Natürlich habe ich mich bei vielen Müttern, die im Rollstuhl sitzen, erkundigt. Ich wollte wissen, was genau auf mich zukommt. Prognosen zu geben ist aber schwer. Es ist ja bei jeder Betroffenen anders.“ Das Baby drückte zunehmend auf die Blase, außerdem durfte die werdende Mama am Ende nur noch liegen. „Keiner wusste genau, wie mein Körper reagieren würde. Ich hatte dann aber eine natürliche Geburt und war so glücklich, als ich Ilja im Arm hielt.“

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Ausblick zu dritt 
Ein halbes Jahr später hat sich das Leben der kleinen Familie gut eingependelt. „Mein Freund Benni ist den ganzen Tag in der Arbeit. Und ich bringe Kind, Basketballtraining und Uni ganz gut unter einen Hut“, erzählt sie von ihrem Organisationstalent. Trotzdem gibt es Situationen im Alltag, die Johanna viel abverlangen: „Ich bin recht ungeduldig. Gerade mit Baby belastet es mich oft, dass ich gewisse Dinge nicht schaffe oder lange dafür brauche. Vieles ist halt sehr umständlich.“ Ilja, ist sie sicher, wird rasch selbständig werden und merken, dass seine Mama gewisse Dinge nicht mitmachen kann. Fußballspielen oder Snowboarden hätte Johanna ihrem Sohn gerne beigebracht. „Es ist schade, dass ich das nicht mehr kann. Genauso, wie den Kleinen durch die Wohnung zu tragen.“

Johanna bedankt sich bei jenen, die für Wings for Life spenden. Jeder Euro geht zu 100% in die Rückenmarksforschung. (philpham.de )
Johanna bedankt sich bei jenen, die für Wings for Life spenden. Jeder Euro geht zu 100% in die Rückenmarksforschung.  © philpham.de
 

 ***Gelähmt und schwanger: Geht denn das?***
Ja, Frauen mit Querschnittslähmung können Kinder kriegen. Der Grund: Eine Schwangerschaft ist hormonell und nicht durch Nerven gesteuert. Eine Rückenmarksverletzung führt auch nicht zu einer längerfristigen Beeinträchtigung des weiblichen Zyklus. Nach einem akuten traumatischen Ereignis kann es aber einige Zeit dauern, bis er sich wieder normalisiert. Die Nervenversorgung der Gebärmutter kommt aus dem Bereich der Brustwirbel Th10 bis Th12. Bei einer Verletzung oberhalb von Th10 können Schwangere meist keine Bewegungen des Fötus wahrnehmen. Außerdem werden Uteruskontraktionen, also die Wehen, oft überhaupt nicht wahr genommen. Querschnittsgelähmte Frauen entbinden zudem oft früher. Doch auch wenn die Mutter nicht aktiv pressen kann, ist eine vaginale Geburt möglich. Bei einer schlaffen Lähmung kann der Geburtsvorgang durch die relaxierte Bauch- und Beckenbodenmuskulatur erleichtert werden. Entbindende haben dann deutlich weniger Schmerzen. Bei einer spastischen Lähmung dagegen kann der Durchgang durch die kontrahierte Beckenbodenmuskulatur für das Kind erschwert sein.


Hatten auch Sie eine Rückenmarksverletzung oder kennen jemanden, der querschnittsgelähmt ist? Teilen Sie mit uns Ihre Geschichte in einer formlosen Mail an office@wingsforlife.com. Wir freuen uns.